Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Entzweiung fruchtbar machen

Zweitausenddrei, das Jahr der philosophischen Centenarien. In Frankfurt am Main bereiten sie sich mit Aplomb auf den hundertsten Geburtstag von Theodor W. Adorno vor, der für den 11. September ansteht. Bedächtiger und knapper geht es in Münster in Westfalen zu, wo die Universität heute Joachim Ritters gedenkt, ihres langjährigen Ordinarius, der am 3. April 1903 in Geesthacht bei Hamburg geboren wurde. Adorno verstarb 1969, Ritter 1974. Die Lebensspanne der beiden Chefdenker Nachkriegsdeutschlands deckte sich, überlappte sich aber kaum. Man mied sich nicht ausdrücklich, suchte aber auch keinen Kontakt. Man polemisierte nicht gegeneinander, lobte sich aber auch nicht. Man beackerte das gleiche Feld, aber von verschiedenen Enden her. Adornos Pflug war die „Kritik“, Ritters Pflug die „Kompensation“. Beide waren sich darin einig, daß „etwas fehlt“, daß es eine „Entzweiung“ gibt zwischen Denken und Sein. Aber während Adorno in der Entzweiung immer nur den Widerspruch wahrnahm und ihn bis zur schmerzhaftesten Entfremdung vortrieb, suchte Ritter nach Wegen, auf denen die Entzweiung auszuhalten und für den einzelnen wie für das Gemeinwesen fruchtbar zu machen sei. Auch für Ritter gab es keine „Versöhnung“ (es sei denn erpreßte) zwischen Denken und Sein, Theorie und Praxis, Geist und Leben. Er weigerte sich aber, für die Entzweiung allein das Sein, die Praxis, das Leben verantwortlich zu machen und sich „als Denker“ im Gestus der Kritik darüber zu erheben. Geist war ja selber Sein, Praxis, Leben. Es kam also darauf an, die Spannung zwischen den Polen in ein optimales Verhältnis zu bringen; nur so ließen sich Verzerrungen, Zusammenbrüche, Abstürze ins Nichts vermeiden. Ritter war gegen Zusammenbrüche und Abstürze; seine Erfahrungen als Frontsoldat im Zweiten Weltkrieg und als Kriegsgefangener mögen da eine Rolle gespielt haben. Der konstruktive, „kompensatorische“ Stil seines Philosophierens brachte ihn von vornherein in Gegensatz zur „kritischen“ Frankfurter Schule und zur abräumenden, niveausenkenden „Kulturrevolution“ der sechziger und siebziger Jahre. Eine Zeit lang blieb das verdeckt, weil sich die Aggressionen und der Furor der Frankfurter zunächst gegen Existentialisten und Positivisten, gegen Heidegger und Popper, richteten. Doch spätestens nachdem sich die ersten Schüler Ritters, Hermann Lübbe und Odo Marquard, Robert Spaemann und Ernst Wolfgang Böckenförde, Günter Rohrmoser und Reinhart Maurer, zu Wort gemeldet hatten und auch einflußreiche Posten im Lehrbetrieb und sogar in der Politik errangen, änderte sich das. Die 68er erkannten, daß ihnen beim „Marsch durch die Institutionen“ höchst unbequeme Konkurrenz erwachsen war. Man spricht seitdem von einer „Ritterschule“, was insofern bedenklich ist, als Ritter selbst nie Wert auf Schulbildung im Sinne von Theorie-Einigkeit und verschworener Gemeinschaft gelegt hat, ja, dergleichen ablehnte. Er war – im Gegensatz zu vielen seiner Kol-legen – eine wahrhaft sokratische Existenz, gänzlich ohne Rechthaberei, dem freien Dialog hingegeben wie selten einer. Sein ständiges Oberseminar, „Collegium Philosophicum“, genoß legendären Ruf; in ihm ein Referat übernehmen zu dürfen, bedeutete Nobilitierung weit über Münster hinaus. Es war Ritter gegeben, sich über das Vorankommen junger Leute, über geistreiche, gelungene Formulierungen von ihrer Seite und über jugendliche Bezeugung echter Tugend zu freuen wie ein Kind. Der Ruhm der Schüler war sein eigener Stolz. Doch eine „Schule“ wie etwa die Stoa oder den Neukantianismus gründen wollte er nie. Glänzender Geisteshistoriker, der er war, tief beeinflußt von Hegel und der „Phänomenologie des Geistes“, deutlich geprägt auch von seinem Hamburger Lehrer Ernst Cassirer, sah er die Philosophie wie die Wissenschaft im Ganzen nicht fragmentiert in Schulen oder Fächer, sondern als große Kontinuität, als Zeitstrom, auf dessen Oberfläche sich die einzelnen Modulationen zum Spiel der Wellen vereinten und ineinander spiegelten. Seine frühen Arbeiten über Cusanus und Augustinus sind Meisterleistungen der Philosophie-Historie, in denen sich souveränes Wissen auf wundersame Weise paart mit ungeheuer feinem Gespür für den Geist der jeweiligen Epoche. Jede Schulfüchsigkeit lag ihm fern. Sein Interesse für die Praxis des sozialen Lebens war nicht minder wach als das Interesse für die Geistesgeschichte, und es wurde geschärft in den dreißiger Jahren durch seine Arbeit als Privatdozent und Lehrer in der praktischen Erwachsenenbildung (Volkshochschule). Immer wieder kreisen Ritters Reden und Vorlesungen um das Thema „Theorie und Praxis“, es war das Thema seines Lebens, und so war es nur folgerichtig, daß er seinem Hauptwerk (soeben wieder aufgelegt bei Suhrkamp) den Titel „Metaphysik und Politik“ gab. Mit am packendsten dort die Abschnitte, wo Ritter die Entzweiung von Theorie und Praxis an ihrem Ursprung aufsucht, bei der Herausbildung der klassischen griechischen Philosophie. Heraklit und Epikur wandten sich voll Verachtung von der sozialen und politischen Praxis ab, zogen sich in die Eremitage zurück, um mit ihrer theoria, die auf das Wesentliche, auf Gott und das Sein gerichtet war, allein zu sein. Platon versuchte, der Polis, dem Staat, der all- täglichen Kommunikationspraxis der Bürger, seine direkt aus der theoría abgeleiteten „idealen“ Polit-Modelle gewaltsam überzustülpen – und scheiterte. Ritters Sympathien indessen gelten Aristoteles, der als erster genau sah, daß die Polis in ihrem spontanen praktischen Funktionieren selber Theorie ist, eine Übertheorie, in der sich Vita activa und Vita contemplativa, Handeln und Theoretisieren, bzw. „Schauen“, spannungsreich, aber notwendig und letztlich optimal zusammenfinden und miteinander auskommen. Die „nach Maß“, d.h. gleichsam spontan und somit liberal, funktionierende Polis ist für Ritter die höchste Kategorie. „Bürgerlichkeit“ ist ihr Name. Nicht frei schwebende Ideen und nicht optimierter Glückszustand für bestimmte einzelne bestimmen den Rang der Bürgerlichkeit, sondern das allgemeine Eingedenken der Polis und der Einsatz für sie. Und zum Eingedenken der Polis gehört das Wissen, daß Bürgerlichkeit ein Zustand der Entzweiung ist, der Unvollkommenheit auch gutgemeintester Arrangements. Aber die Entzweiung als Grundelement der Bürgerlichkeit hat keineswegs nur tragisch-negative Züge, im Gegenteil, sie liefert erst die Voraussetzung für das Funktionieren und somit für eine qualifizierte Zufriedenheit der Bürger, sorgt für erquickliche Gewaltenteilung. In den Worten des Ritter-Schülers Odo Marquard: „Die Entzweiung schützt die modernen Bürger davor, in die totale Gesellschaft oder in die totale Substanznostalgie aufgelöst zu werden … Entzweiung ist das letzte Wort über die moderne, die bürgerliche Welt, ein positives Wort. Das ist weniger, als die Weltverbesserer fordern, es ist mehr, als die Kassandren fürchten. Die moderne – bürgerliche – Welt ist weder Paradies noch Inferno, sondern geschichtliche Wirklichkeit. Sie ist nicht der Himmel auf Erden und nicht die Hölle auf Erden, sondern die Erde auf Erden.“ Noch heute läßt sich nachvollziehen (und nachlesen), in welche Empörung die Frankfurter Schule und die 68er durch solche Konklusionen gerieten. Sie hatten voll auf Himmel contra Hölle gesetzt, auf die Vernichtung des „schlechten Bestehenden“ durch die Dazwischenkunft des „kritischen Bewußtseins“, welches sich anschickte, zur „materiellen Gewalt“ zu werden, vulgo: zum Straßen- und Sit-in-Terror und zur institutionalisierten „Bildungsreform“. Und nun dies! Und die Ritterschüler ließen sich nicht einfach als „Faschisten“ und „Ewiggestrige“ in die Ecke stellen, sie hatten die gängigen marxistischen Thesen genau studiert – und für zu leicht befunden. Die Ritter-Schüler kamen, wie gesagt, dank der väterlichen Fürsorge ihres Lehrers ziemlich zahlreich nach oben, sie hatten bald ihre festen Plätze bei einflußreichen Medien, markierten für Erstsemester eine ansehnliche geistige Alternative zu Habermas & Co. und waren den Matadoren der „Kritischen Theorie“ in Sachen Stil, Gedankenschärfe, literarische Qualität auch noch hörbar überlegen. Tatsächlich läßt sich im Rückblick konstatieren, daß die RitterSchule das geistige Ansehen der Bundesrepublik, zumindest das offizielle, für die Dauer der siebziger und achtziger Jahre regelrecht gerettet hat. Man muß sich weniger schämen. Freilich, die Zeiten haben sich seitdem geändert, und die neue Lage hat einige kräftige Fragezeichen hinter den Thesen von Joachim Ritter aufsteigen lassen. Sein Begriff von Polistreue, Bürgerlichkeit, erscheint allzu strikt fixiert auf das Gegenbild des keifenden Wiedertäufers, wahnwitzigen Utopisten, dessen kritische Mauerbrecher gegen die Tore der Stadt krachen und gegen den sich sämtliche brave Bürger zur Abwehr formieren sollen. Aber gibt es diesen Utopisten denn überhaupt noch? Und gibt es noch den braven Bürger, der die Entzweiung tapfer aushält und sie für das Gedeihen der Polis einsetzen will? Der bloße Augenschein läßt daran zweifeln. Dem Bürger ist seine Polis unter den Füßen weggezogen worden. Die kritische Kritik hat den Utopisten die Tore geöffnet, die „Bürger“ haben das nicht verhindert, und die Utopisten erwiesen sich als gewöhnliche Barbaren, die nichts mit der theoría anfangen konnten. Nun ist die Kritik selbst zum kritikablen Ganzen geworden und erpreßt mit Hilfe ihrer inzwischen völlig geistentleerten, durch Polizei und Staatsanwalt abgesicherten Phrasen Versöhnung auf allerniedrigstem Niveau. Wer hier noch kompensieren wollte, der müßte zum allergröbsten Knüttel greifen. Das wird wohl leider nicht so schnell passieren. Warten wir also zunächst einmal auf die Adorno-Feiern im kommenden September. Foto: Joachim Ritter (1903-1974): Sokratische Existenz

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