Der Idee materielle Gewalt verschafft

In dem Artikel „Der Mythos des unerschrockenen Individuums“ (JF 23/03) beklagt der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann die kulturelle Übermacht der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auf dem Gebiet der Bildenden Kunst. Nirgendwo sei der in Übersee favorisierte „Abstrakte Expressionismus“ zwischen 1948 und 1958 so bereitwillig akzeptiert worden wie in Deutschland – ein Befund, den man auch auf andere Gebiete übertragen kann. Weiterhin stellt Zimmermann dar, daß diese Entwicklung sich hauptsächlich dem amerikanischen Geheimdienst CIA verdanke, der mit Geld und strategischem Geschick der kulturellen Hegemonie in Europa den Weg bereitet hat. Dazu einige Anmerkungen. Der Umstand, daß die CIA viel Geld in die Kulturszene Westeuropas und Deutschlands gesteckt hat, war seit jeher ein offenes Geheimnis. Als im Sommer 1950 in West-Berlin der „Kongreß für kulturelle Freiheit“ tagte, giftete die Presse im Ostteil gegen die versammelten „Agenten“, „bezahlten Söldner“ und „Spitzel“ des „US-Monopolkapitals“. Die jetzt dazu vorgelegten Studien sind trotzdem in mehrerer Hinsicht lehrreich. Die US-Geheimdienstler wußten eben damals schon, was maßgebliche Kreise in Deutschland noch immer irritiert: Eine politische Selbstbehauptung ohne geistiges Fundament ist unmöglich. Lernen kann man von den Amerikanern auch, daß die besten Ideen wenig nützen, wenn man nicht über das nötige Geld und die Infrastruktur verfügt, um sie unter die Leute zu bringen. Wenn aber beides zusammenkommt, werden Ideen zur materiellen Gewalt! Zimmermann erweckt den Eindruck, deutschen Künstlern wäre etwas aufgedrängt worden, was ihnen im Grunde wesensfremd war. Doch ist das nicht eine allzu schlichte Herleitung von Kunstprozessen und deshalb selber ein „Mythos“, nicht besser als der vom „unerschrockenen Individuum“, gegen den er sich richtet? Wieviel Aussagekraft kann es für die Zeit nach 1945 besitzen, daß in den Kunstkataloge der Zwanziger die abstrakte Kunst nur eine Nischensparte war? Seitdem waren einige Jahre vergangen – und was für welche! Es war auch eine psychologische Unmöglichkeit, einfach dort wieder anknüpfen, wo man 1933 aus einer trügerischen Normalität gerissen worden war. Auch Zeitzeugen, die der „Pax americana“ kritisch gegenüberstehen, bekunden heute, wie groß nach dem Krieg ihr Bedürfnis war, geistige und künstlerische Entwicklungen nachzuholen, von denen sie durch die politischen Umstände ausgeschlossen gewesen waren. Daß es dabei zu Übertreibungen kam, lag in der Natur der Sache. Was unerreichbar oder verboten ist, wird schnell in den Rang eines Fetischs erhoben. In Deutschland war 1945 das Vertrauen in Traditionen und gewohnte Formen tief erschüttert. Im Gedicht „Inventur“ hat Günter Eich („Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen“) das Gefühl einer reduzierten, entkleideten Existenz eindringlich formuliert. Daß vom reichen, kraftstrotzenden Amerika die hauptsächliche Faszination ausging, kann nicht verwundern. Vor allem aber herrschte der Kalte Krieg, den Zimmermann erwähnt, aber zu wenig thematisiert. Die Kommunisten waren nicht ungeschickt darin, sich als Hüter und Fortsetzer der „wahren“ Kultur darzustellen. Der Schriftsteller und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher hatte den greisen Gerhart Hauptmann dafür gewonnen, die Ehrenpräsidentschaft des von ihm gegründeten Kulturbundes zu übernehmen. Die Amerikaner hoben das Arbeitsverbot gegen den Dirigenten Wilhelm Furtwängler nur auf, weil sie bemerkten, daß die Russen im Begriff waren, ihn nach Ost-Berlin zu locken. Von Becher und den hochgebildeten russischen Kulturoffizieren mochte das ehrlich gemeint sein, objektiv aber waren sie der Vortrupp einer Volksfrontstrategie, die letztlich auf die politische Macht über ganz Deutschland und Europa abzielte. Es ging darum, die Anwesenheit der Amerikaner in Westeuropa – ohne die es gegen Stalin keine Chance hatte – aus kultureller Perspektive in Frage zu stellen. Die CIA hatte das als gefährliche Kampfansage verstanden. Auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß 1947 in Berlin sprach der amerikanische Journalist Melvin J. Lasky in einer spektakulären Rede aus, daß die Diktatur Stalins nicht besser sei als die Hitlers. Ein Sakrileg! Gegen Lasky wird bis heute der Vorwurf erhoben, mit seiner Rede habe er die Spaltung des deutschen Kulturlebens betrieben. Richtig ist, daß er den Schleier der Heuchelei weggerissen und den Blick auf die Tatsachen freigegeben hatte. Jedem war damals klar, daß Lasky nicht bloß für sich selber sprach. CIA hin oder her – in diesem Fall zählt die Botschaft mehr als der Bote! Auch den „Kongreß für kulturelle Freiheit“ im Juni 1950 muß man in seinem historischen Kontext sehen. Die Sowjetunion unternahm zu dieser Zeit gewaltige Anstrengungen, um eine ihr genehme, gerade auch im Westen wirksame „Weltfriedensbewegung“ zu installieren. Dieser Versuch hatte im Sommer 1948 mit einem Kongreß in Breslau begonnen, an dem 400 Intellektuelle aus Ost und West teilnahmen. Abstraktionismus als Kontrastprogramm Bei der Organisierung solcher – offiziell überparteilicher – Tagungen griff man auf Erfahrungen zurück, die tief in die Zeit der Kommunistischen Internationale („Komintern“) reichten. Westliche Prominente wie der französische Atomforscher Frederic Juliot-Curie waren Galionsfiguren dieser Bewegung, Pablo Picasso hatte mit der Friedenstaube ihr Symbol geschaffen. Pfingsten 1950 fand in Ost-Berlin das „Deutschlandtreffen“ der FDJ statt, für das die DDR-Behörden vom Berliner Senat ein Durchmarschrecht für die Westsektoren verlangten – ein regelrechter Akt von Psychoterror. In Westeuropa war die Lage keineswegs sicher. Für viele „fortschrittliche Kräfte“ war Stalin kein Massenmörder, sondern der Mann, der Hitler besiegt hatte. In Frankreich und in Italien waren die kommunistischen Parteien ernsthafte Machtfaktoren. In dieser Situation in der „Frontstadt“ Berlin einen internationalen Kongreß abzuhalten und den Osten mit eigenen Mitteln zu schlagen, indem man zum Beispiel dem früheren Kommunisten Arthur Koestler, dem Verfasser der „Sonnenfinsternis“, ein Podium gab, von dem aus er die Praxis der kommunistischen Parteien enthüllte, war ein kluger Versuch, einer haltlosen „freien Welt“ geistige Korsettstangen einzuziehen. Erleichtert wurde dieses Vorhaben in der Tat durch einen Kardinalfehler der Sowjets: Sie konnten mit der Avantgarde in der Kunst nichts anfangen. Ihre russischen Modernisten hatten sie schon in den zwanziger Jahren abserviert. Den Traditionsbegriff faßten sie immer enger und dogmatischer und reduzierten ihn schließlich auf einen „volkstümlichen“ sozialistischen Realismus. Bei linken Künstlern in West und Ost löste das Irritationen und Bestürzung aus. Es war geschickt von der CIA, diese Irritation, die die intellektuelle Linke im Westen der Sowjetunion entfremdete, zu verstärken, indem sie den Abstraktionismus und Modernismus als Kontrastprogramm propagierte. Es reicht trotzdem nicht hin, die Gründe für deren Siegeszug auf einen perfiden Geheimplan zu reduzieren. Das zeigt der parallele „Formalismus“-Streit in der DDR. Ins Visier gerieten unter anderem Bertolt Brecht, der nun wahrlich ein Gegner der amerikanischen Kulturindustrie war, und der Komponist Paul Dessau, ein überzeugter Kommunist, der im Spanischen Bürgerkrieg das „Lied der Thälmann-Kolonne“ geschrieben hatte. Brecht und Dessau waren Schöpfer der gemäßigt-modernen Oper „Das Verhör des Lukullus“, die vom SED-Zentralorgan Neues Deutschland am 22. März 1951 in unflätigster Weise attackiert wurde. Dessau wurde als Fortsetzer Strawinskys beschimpft, seine Musik sei „dünn und bruchstückhaft“, sie überschütte ihre Hörer „mit Mißtönen und intellektualistischen Klüngeleien“, bestärke „den rückständigen Teil des Publikums in seinen Auffassungen und stößt den fortschrittlichen Teil vor den Kopf“. Ein weiteres Opfer solcher Kampagnen war der Maler und Kommunist Hans Grundig, der sein KZ-Trauma nicht einmal abstrakt, nur symbolistisch verarbeitete, was den Kulturbürokraten ebenfalls schon viel zuviel war. Brecht, Dessau und Grundig waren wirklich nicht den Sirenenklängen der CIA, sondern künstlerischen Notwendigkeiten gefolgt, die sie für sich erkannt hatten. Abschied von Traditionsbeständen Es wäre eine ausführliche Untersuchung wert, warum der Abstraktionismus in Deutschland nicht einfach als Möglichkeit und Angebot verstanden, sondern bald zum zwanghaften Bekenntnis und in seinen Hervorbringungen dekorativ und provinziell wurde. Natürlich müßte von der „Umerziehung“ die Rede sein, zu der aber nicht nur die Umerzieher gehören, sondern auch diejenigen, die sich umerziehen lassen. Man wird sich auch der Aporie stellen müssen, auf die die deutsche Rechte bisher keine andere Antwort gefunden hat als Bitterkeit und Wut: Wer nach 1945 Westdeutschland und Westeuropa vor den Sowjets retten wollte, mußte Ja zu den USA sagen und oft einen anderen, abrupteren Abschied von Traditionsbeständen nehmen, als das sonst der Fall gewesen wäre. Man kann diese Aporie weder auflösen noch ignorieren, man muß sie aushalten und analysieren, um für die Zukunft klüger zu sein. Daß Deutschland vielfach zur belächelten Provinzfiliale einer eingebildeten Weltkunst geworden ist, anstatt diese mit eigenen Beiträgen zu bereichern, ist nicht zu bestreiten. Den Satz von Hans-Jürgen Syberberg: „In der freiwilligen Selbstaufgabe seiner schöpferischen Irrationalität vor allem, und vielleicht einzig hier, hat Deutschland wirklich den Krieg verloren“ hat Volker Schlöndorff jüngst in der Zeit mit der Feststellung bestätigt, den deutschen Filmregisseuren fehle eine eigene Handschrift, „aber vor allem fehlt es an eigener Haltung zur Welt im allgemeinen.“

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