Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Breslauer Bilder als Programmatik

In George Orwells Jahrhundertroman „1984“ findet sich die Beschreibung des „Ministeriums für Wahrheit“, das hinter seiner Fassade damit beschäftigt ist, die Wahrheit nach Anweisung jeden Tag neu zu erfinden. Mit anderen Worten, so wollte Orwell es gedeutet sehen, werden dort jeden Tag neue, pragmatische Lügen erzeugt, eine Ausgeburt der totalitären Hölle. Dieser Sichtweise kann die „postmoderne“ Geschichtswissenschaft nicht mehr wirklich zustimmen, denn ihr ist der Wahrheitsbegriff, der für Orwell noch unangreifbar war, auf seltsame Weise abhanden gekommen. Was einmal als Ziel historischer Forschung ausgegeben wurde, zu zeigen, wie es tatsächlich gewesen ist, das wird von ihr kaum noch untersucht. Alles ist Text, Deutung und Diskurs geworden, alles ist letztlich gleich beliebig und kann Tragödie genauso wie Komödie oder Farce sein, Wahrheit jedoch in keinem Fall. Zu welchen Abgründen das führen kann, hat etwa Robert Evans vor einiger Zeit vergeblich demonstrieren wollen. Mit der rhetorischen Frage, ob denn auch „Auschwitz als Komödie“ aufgefaßt werden könne, wollte er diesen Trend an einem Fluchtpunkt zeitgenössischer Geschichtsforschung ins Absurde übersteigern und wurde doch von überzeugten Postmodernisten mit der unverdrossenen Ansicht konfrontiert, Auschwitz könne sehr wohl als Komödie dargestellt werden. Auch Breslau erfindet sich einmal mehr neu, so steht auf dem Klappentext von Gregor Thums Studie über das Nachkriegsschicksal der schlesischen Hauptstadt zu lesen. Dies ist programmatisch zu verstehen, denn der Autor legt auf den Anschluß an die Postmoderne einen deutlichen Wert. Alles an Breslau ist erfunden, so teilt er uns zwischen und oft auch in den Zeilen mit. Vielleicht muß man diese Ansicht haben, um die nach 1945 gezielt betriebene Erschaffung des monumentalen Phantasiegebäudes eines polnischen Breslau zugleich so detailliert und leidenschaftslos, allenfalls von leichter Ironie unterbrochen, schildern zu können. Hier wie an den anderen Orten der ostdeutschen Vertreibungsgebiete sahen sich polnische Historiker nach Kriegsende vor der Aufgabe, aus naheliegenden politischen Gründen eine polnische Vergangenheit zu erfinden, womit sie zugleich, wie Thum schreibt, ein Bedürfnis nach Legitimation stillten, das die polnischen Neuankömmlinge von weiter östlich hatten. Radikale Kräfte in der polnischen Publizistik und der Regierung hatten lange vor 1939 Schlesien und andere Teile Ostdeutschlands als polnisch reklamiert. Trotzdem hielt sich 1945 und lange danach unverkennbare Skepsis über die Möglichkeiten, diese Länder und besonders deren Zentren wirklich zu polonisieren. Obwohl er Ostpreußen als „urpolnisches Land“ reklamierte, lehnte es etwa 1944 der polnische Exilministerpräsident Tomasz Arciszewski noch ab, sich mit deutschen Städten wie Stettin oder eben Breslau zu belasten. Es häuften sich denn nach Kriegsende auch Klagen über die Fremdheit der Stadt, die so ganz offensichtlich unpolnisch war, daß sensiblere Charaktere wie die Schriftstellerin Maria Dabrowska ihre Pläne aufgaben, dort zu leben. Wenigstens die Steine sprachen nach 1945 noch eindeutig deutsch, was ihnen nach den Vorstellungen etwa der Verkehrsplaner durch eine neue Straßenführung baldmöglichst ausgetrieben werden sollte. Die Neueinwohner verließen dennoch jahrzehntelang an Festtagen mit Leidenschaft die Stadt und fuhren, soweit erreichbar, nach Hause oder zur Verwandtschaft. Die neugestellte Aufgabe polnischer Geschichtspolitik gestaltete sich demgemäß äußerst schwierig. Was sich vor 1939 in so manchem polnischen Publikationsorgan an polnischer Tradition für Pommern oder Schlesien flott behaupten ließ, mußte jetzt in der sperrigen Wirklichkeit detailliert erschaffen werden, nachdem die erste Wut der Zerstörung über das Land gegangen war und der Reichtum der neugewonnenen Städte „viele Menschen um den Verstand brachte“. Thum zeichnet nach, wie man sich beispielsweise bei der Umbenennung von Straßen und Plätzen ganz sorgfältig daran orientierte, eine lang andauernde polnische Vergangenheit zu simulieren und etwa die Gneisenaustraße nach einem polnischen Militär umbenannte, der Zeitgenosse Gneisenaus gewesen war. Das Moltke-Denkmal behielt seinen alten Sockel, verlor aber natürlich seinen Generalfeldmarschall und wurde zum Denkmal des „siegreichen polnischen Soldaten“ umfunktioniert, als habe es dort schon immer so gestanden. Die Inschrift wurde durch eine Bronzeplatte überdeckt. Kaiser Wilhelm war einer der wenigen, deren Denkmäler ehrlich und ersatzlos geschleift wurden. Städtebaulich gesehen konzentrierte sich die polnische Verwaltung darauf, die gotischen Baudenkmäler der Stadt aus dem Mittelalter hervorzuheben. Sie wurden als authentisch polnisch definiert, während alles nachfolgende aus der Neuzeit jahrzehntelang als häßlich, also deutsch, oder noch schlimmer: preußisch, abqualifiziert wurde. Dies änderte sich nach 1990, als die Stadt auch ihrer deutschen Vergangenheit da und dort wieder öffentlichen Raum einräumte. Es entwickelte sich jetzt eine „lokale Identität“, die sich auch von Warschau und anderen polnischen Regionen absetzte. Wer dies für ein Zeichen des neuen Europa hält, wird allerdings in Thums Studie eines Besseren belehrt. Der Effekt ist gewollt gewesen, er wurde sogar schon im August 1945 von polnischen Stadtplanern als Ziel proklamiert. Sich in einer Besprechung über ein fehlendes Personen- und Sachregister zu beschweren, ist gar nicht selten nur eine Mäkelei pedantischer Rezensenten. In diesem Fall ist das anders, denn die Entscheidung, diese Studie durch keinerlei Register zu erschließen, ist eine verlegerische Fehlleistung erster Güte. Trotz aller postmodernen Zusätze hätte „Die fremde Stadt“ beiläufig ein Nachschlagewerk über das alte wie das heutige Breslau, über polnische Geschichtspolitik und deutsche Vergangenheit werden können, mithin ein Standardwerk. Das ist versäumt worden und sollte für den Fall einer Neuauflage geändert werden. Denn das Interesse an der historischen Wahrheit, so darf vermutet werden, wird allen modernen oder postmodernen Moden zum Trotz immer erhalten bleiben. Es sollte irgendwo nachschlagen können. Gregor Thum: Die fremde Stadt. Breslau 1945. Siedler Verlag, Berlin 2003, gebunden, 624 Seiten, Abbildungen, 32 Euro

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