Sprachlos

Sons of the Void: Drei junge Herren im Sakko mit Krawatte sitzen vor einem dunklen Bier im Bistro und schweigen nachdenklich aneinander vorbei. Sind sie Existenzialisten? Oder ist dies ihre Methode, die Lektüre von Drieu La Rochelles Geheimem Bericht zu verarbeiten? Die Musik auf der CD „Au commencement…“ (VAWS) des französischen Projekts Oraison fügt sich jedenfalls in die Atmosphäre, die das Foto auf der Verpackung suggeriert. Die Rebellion ist eine Frage des Stils. Sie wird sitzend oder flanierend vorgetragen, ein bißchen melancholisch natürlich, aber entspannt, vielleicht sogar rauchend. Im Neo Folk, zu jenem amorphen Freundschaftsbund mag man Oraison ruhig zählen, scheint auf diese Weise eine ungewohnte Position auf. Nicht das Posthistoire des paganen Trotzes gegen die gesamte bekannte Geschichte, sondern die Faszination der intellektuellen Bodenlosigkeit „nach Nietzsche“ wird zelebriert. Die Mittel dazu sind ein spartanisches Arrangement und eine unerschrockene Anteilnahmslosigkeit des Gesangs. Das epikuräische Dasein, das Oraison bislang geführt zu haben scheint, ist durch diese Compilation aus entlegenen Quellen endlich beendet. Eines der Lieder von „Au commencement…“ ist auch auf dem Sampler „Breker“ zu hören, mit dem das Label VAWS einen neuerlichen Brückenschlag zwischen heutigem und gestrigem Pathos anbietet. Die Doppel-CD wird weitestgehend den Erwartungen gerecht, die nach ihren Josef Thorak und Leni Riefenstahl gewidmeten Vorgängern an sie gerichtet werden durften. Wieder sind es manche mehr (Von Thronstahl, Belborn, Mephisto Walz, Forthcoming Fire), manche bislang weniger bekannte Projekte, die Stücke zu einer Hommage beisteuern, die sich als solche musikalisch allerdings nicht durchgängig erschließt. Den Thorak-Sampler zeichnete das erfolgreiche Bemühen aus, Klangkommentare zu einzelnen Werken des Bildhauers anzubieten. Diese Nähe zu Arno Breker wird hier nicht erreicht, konzeptionell aber wohl auch nicht intendiert. Der Sampler eröffnet so vielleicht keinen Zugang zu dem Künstler. Er vereint aber musikalische Ausschweifungen, die (wenigstens zum Teil) von der Beschäftigung mit ihm ihren Ausgang genommen haben. Eine weniger heroische Variante des Pathos präferiert die isländische Band Sigur Rós, deren ätherisches Marketing mit dem Stil ihrer Musik im Einklang steht. Eines ihrer Videos zeigt vom Downsyndrom gezeichnete Menschen beim Reigen im Naturidyll, eine Lebensfeier, unberührt von Maßstäben einer feindlichen Normalität. Was anderorten in Ironie, geradlinige Kritik oder den plakativen Nachweis einer bewußten Selbstumerziehung verflachen würde, verharrt bei Sigur Rós in sprachloser Anschauung einer Realität, die von dem, was in einem Kontext steht, absieht. Von Gitarren erzeugte Klangschwaden, durchzogen von Piano und heller Frauenstimme, erlauben keine Ansatzpunkte für konkrete Assoziationen, sondern gebieten das Einschwingen des Hörers in eine Stimmungslage existenziellen Weltschmerzes. In dieser Hinsicht hat Sigur Rós eine Entwicklung durchgemacht: Auf „Agaetis Byrjun“ gab es immer noch unvermittelte Ausbruchsversuche aus dem Fatum, auch wenn diesen stets durch die Macht der dunklen Gitarren ein Ende bereitet wurde. „()“ (Fat Cat/ PIAS) ist frei von derartigen Überraschungen und Hoffnungsschimmern. Die einzelnen Lieder sind ununterscheidbar und in einer Fantasiesprache gesungen. Man beschränkt sich auf eine einzige Bedeutungsebene: die Musik. Langsamkeit, Trauer, Solipsismus. Ganz neu ist der Sound, den Sigur Rós in diesem Sinne offeriert, gewiß nicht. Erinnerungen an Veröffentlichungen zum Beispiel auf den Labels 4AD und Projekt führen nicht in die Irre.

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