Alles wirkt irgendwie bunter

Regisseur Aleksi Vellis schloß sein Studium an der Swinburne Filmschule in Melbourne Mitte der achtziger Jahre mit Auszeichnung ab. Seitdem durfte er sein Können in Spiel- und Dokumentarfilmen, Fernsehserien, Werbespots und Musikvideos unter Beweis stellen. Als Sohn griechischer Einwanderer der ersten Generation wuchs er im selben Vorort Melbournes auf wie sein Co-Autor Chris Anastassiades und Hauptdarsteller Nick Giannopoulos, der zu den erfolgreichsten und beliebtesten Entertainern Australiens gehört. Giannopoulos war es, der in seinen Bühnenshows das "Wog"-Thema entwickelte, dessen sich jetzt Vellis in einem 92-minütigen Spielfilm angenommen hat. "Wog" ist eine abfällige Bezeichnung für Griechen und Italiener in Australien, ähnlich wie "Nigger" für Schwarzafrikaner oder "Kanake" für islamische Einwanderer in Deutschland. Vellis’ neuer Spielfilm "Wog Boy" spielt im spezifischen Neu-Einwanderer-Milieu Australiens und versucht dessen Lebenswelt nahezubringen.

Steve (Nick Giannopoulos) lebt im Einwanderer-Viertel einer australischen Großstadt und schlägt sich mit Hilfe des Sozialamts durch sein Leben. Nach einer selbstverschuldeten Kollision mit dem Automobil der Arbeitsministerin Raelene Beagle-Thorpe (Geraldine Turner) verlangt Steve dreist einen finanziellen Ausgleich für den Blechschaden an seinem Wagen. Die Ministerin rächt sich, indem sie Steve überwachen und im staatlichen Fernsehen als größten Sozialschmarotzer Australiens darstellen läßt. Da Steve ein Auge auf Celia (Lucy Bell), eine Mitarbeiterin der Ministerin, geworfen hat, will er sich selbst und dem ganzen Land beweisen, daß mehr in ihm steckt, als alle glauben. Dabei hat er zahlreiche Hürden zu überwinden, die ihm die rachsüchtige Ministerin und sein dubioses Herkunftsmilieu stellen.

Die Darstellung von Einwanderern im Film unserer Zeit erfolgt in der Regel in zwei Formen: als Drama oder als Komödie. Die Tendenz bleibt dabei die selbe. Fast nie – außer vielleicht im Verbrechermilieu des Action-Kinos – wird der Einwanderer negativ gezeichnet oder werden die Gefühle und Sorgen der Alteingesessenen sensibel verarbeitet. Zeigt das Drama den Immigranten also immer als mitleidsbedürftigen "armen Hund", der in ein fremdes Land gekommen ist, weil er in seiner Heimat nicht glücklich werden konnte, und in der Fremde mit einer abweisenden, arroganten Bevölkerung oder gängelnden Bürokratie konfrontiert wird und daran zerbricht (oder sich kämpferisch auflehnt), so präsentiert die Komödie das Gegenbild der Einwandererwelt. Der Immigrant wird als lustiger Geselle, ja als "Quell des Lebens" dargestellt, ohne den das sterile Aufnahmeland mental ärmer wäre. Die ebenfalls vorhandene Konfrontation mit der einheimischen Bevölkerung löst der Zuwanderer hier mit dem ihm eigenen überlegenen Charme, seiner Fähigkeit des Sieges im Daseinskampf durch Witz und Wendigkeit, die die bösartigen Autochthonen vorführt. Aus dem "armen Hund" wird der "liebe Kerl", dem die Sympathien der Zuschauer zufliegen.

Was bei uns verballhornt, aber zunehmend gemocht als "Mundstuhl" oder "Dragan und Alder" auftritt, ist in Australien der smarte griechische "Wog Boy" mit seinen schmalzigen italienischen und einfältigen vietnamesischen Freunden. Vellis karikiert die verschiedenen Einwanderergruppen Australiens, weist auch mit zwinkerndem Auge auf das durchaus grassierende Sozialschmarotzertum in diesem Bereich hin, verniedlicht dieses aber zum Lausbubenstreich oder Kavaliersdelikt. Und so erscheint die "multikulturelle Gesellschaft" als die liebenswerte Welt der gesellschaftlichen Underdogs zwischen Pizzabude, Discoabend und ein bißchen Folklore-Karikatur.

Na, wenn’s so wird, wird doch alles ganz lustig, mag der Zuschauer denken. Alles wirkt ja "irgendwie bunter" wenn möglichst viele Ethnien in ein Schnellimbißrestaurant zusammengesteckt werden. Und man hat wieder eine Gemeinsamkeit: Man ist eigentlich gar kein Engländer, kein Grieche, kein Serbe, kein Asiate mehr – alle sind vielmehr nur noch "Wogs", entwurzelte Einwanderer. Und wenn irgendwann die Wanderschaft jeden erfaßt hat, also alle "Wogs" geworden sind, wird "Wog" zum Synonym für den post-ethnischen Menschentypus generell, wie er von vielen hiesigen Politikern und Journalisten so herzlich ersehnt wird. Und wenn dann alle "Wogs" sind, werden sich Filme wie "Wog Boy" gänzlich überlebt haben. "Schon wieder dieselben Griechen, Serben, Italiener, Vietnamesen wie in New York, wie in Melbourne, wie in Hanoi, wie in Koblenz am Rhein – gibt’s denn nicht irgendwo noch was anderes?" werden dann die Zuschauer fragen. "Iss’ Pizza oder Kebap und sei ruhig", werden sie als Antwort hören.

"Wog Boy" ist eine weitere Variante jener Filme, die sich um die spezifische "Kanaken"-Identität drehen. Allerdings wirkt diese Auseinandersetzung nur wie ein hauchdünner durchsichtiger Schleier über dem Plot der Liebeskomödie. Alles dreht sich bei weitem mehr um Autos, Sex und Pizza als um Kultur oder gar Politik. Zudem erscheint die kulturelle Differenz zwischen südeuropäischen Einwanderern und Anglo-Australiern vergleichsweise marginal. Das Hintergrundthema wurde also zugunsten des Plots sehr schwach gelöst. Das macht den Streifen für den normalen unpolitischen Zuschauer ausgesprochen erträglich. Vermutlich nimmt dieser den kulturellen Hintergrund des lustigen Leinwandgeschehens überhaupt nicht wahr, sondern nur die oberflächliche Handlung im Rahmen des Liebesfilms.

Kritisch ausgedrückt kann man aber auch sagen, daß die Thematik durch eine ausgesprochen kompatible Story stark verwässert wurde. Heraus kam deshalb ein durchaus liebenswürdiger und witziger Unterhaltungsfilm, der sein Geld einspielen, aber kaum zu weitreichenden kritischen Überlegungen führen dürfte.

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