Joachim Kuhs

 

Vorbilder! „Wir“?

Man lese und staune – nein, vielleicht nicht allzusehr: Natürlich läßt sich mit der Fußballerei auch noch Wochen nach all dem Aufruhr trefflich Presse machen, wenn es schon vom verschlagworteten Flug MH17 nichts neues zu berichten gibt und man sich noch immer nicht auf eine Redaktionen-übergreifende Einheitsberichterstattung gegenüber den Vorgängen im Nahen Osten einigen kann.

Daß all das, rein an Schlagzeilen und Online-Toplistenplätzen gemessen, den allmählich vonstatten gehenden transnationalen meltdown beinahe der gesamten „Arabischer Frühling“-Zone klammheimlich aussticht, ist auch kein Mysterium. Wer führte schließlich gern seinen Lesern vor Augen, sie über Jahre hinweg fernab jeglicher Empirie mit falschen Heilserwartungen im europäischen Schoß gewiegt zu haben?

Nun also weiterhin Fußball, weil das seit der Weltmeisterschaft so griffig als pars pro toto für „Deutschland“ gesetzt werden kann. Man darf schon jetzt gespannt sein, in welchen absonderlichen Zusammenhängen dem Medienkonsumenten diese Analogie in Zukunft noch begegnen wird – spätestens 2018 sollte dieser alberne Gemeinplatz eigentlich verdientermaßen wieder beerdigt werden, sofern nicht die nun auch höchstamtlich in Erwägung gezogene Zwangspolitisierung der Sache durch ein Boykott der nächsten Weltmeisterschaft in Rußland für neue Stürme im Tintenfaß sorgt. Angesichts der bekannten Schwierigkeiten hiesiger Politiker damit, auf (gerne)große Worte auch vergleichbare Taten folgen zu lassen, darf man diesbezüglich wohl beruhigt sein.

„Schuster, bleib’ bei Deinem Leisten!“

In der alten Tante FAZ macht man sich jedenfalls brandaktuell andere gewichtige Gedanken, weil ein paar unserer transatlantischen Gönner und freundlichen Aufpasser über ein – weiteres – „deutsches Jahrhundert“ spekuliert haben. Und auch, wenn dem Verfasser dieser Zeilen der zugrundeliegende Newsweek-Artikel nicht zur Verfügung steht, hinterläßt das seltsam fahrige Abspulen der Faktoren eines scheinbaren deutschen Vor(behalt)bildcharakters doch einen mehr als schalen Geschmack – „Schuster, bleib’ bei Deinem Leisten!“ möchte man angesichts des feuilletonistischen Tonfalls FAZ-Politikredakteur Reinhard Müller zurufen, der von Hause aus Jurist, sogar Staatsrechtler ist. Was also ist es nun, angesichts dessen dem Kommentatoren „die Risiken […] offenkundig“, also ein Überschnappen der Meinungen zum tollsten Deutschland aller Zeiten beinahe greifbar sind?

Soviel kann verraten werden, denn einen argumentativen Spannungsbogen bietet der kurze Schrieb nun wirklich nicht: Müller geht es um den Anschein eines „gesamtgesellschaftlichen Erfolg[es], der sich in Wirtschaftsdaten niederschlägt“ und den der sportliche Erfolg nach beinahe einem Vierteljahrhundert der teutonischen Pokalabstinenz nun auch dem besonders online zu Hochform auflaufenden, internationalen tittytainment-Konsumenten wieder ins Bewußtsein gerückt haben soll.

Unerschütterliche Duldsamkeit des deutschen Wählers

Und weil die Binnenperspektive jeder aus eigener Verzweiflung kennt, arbeitet man sich in der Frankfurter Redaktion lieber an den Eindrücken ab, die ein externer Beobachter von der Bundesrepublik gewinnen mag: Selbstabstraktion ist schließlich eine wichtige Fähigkeit, um nicht der Versuchung zu erliegen, deutsche Dinge auch aus deutscher Sicht zu bewerten.

Was Deutschlands scheinbaren Vorbildcharakter (für wen, enthält uns Müller leider vor; die USA werden es jedoch sicher nicht sein) ausmacht, läßt sich kurz zusammenfassen: „Anker der Eurozone“, Atomausstieg, Wehrpflichtende. Was diese auf tagespolitisch opportunen Oktrois und parlamentarischem Durchpeitschen fußenden Wegmarken nun mit einem „gesamtgesellschaftlichen Erfolg“ zu tun haben, erschließt sich auch bei mehrfachem Lesen nicht. Allenfalls die unerschütterliche Duldsamkeit des deutschen Wählers wird damit abgebildet – wofür wohl der größte Posten auf der Habenseite der Bundesrepublik, der „allgemeine Wohlstand“, verantwortlich zeichnet.

Nun sind natürlich auch die Zweifel anzuerkennen, die Müller präzise anmeldet. Nur: Zu einer konkreten politischen Lageanalyse reicht es dann doch nicht, und daß die Transfergesellschaft (daß lediglich „ein Teil des sozialen und des äußeren Friedens auf Pump finanziert“ sei, hat schon etwas von Galgenhumor) von den Wurzeln bis in die Krone morsch ist, wußte man auch schon in den späten Ausläufern der „fetten Jahre“ (vgl. Robert Hepp: Die Versicherung des Ernstfalls: der Sozialstaat; in: Anton Peisl u. Armin Mohler (Hrsg.): Der Ernstfall, Schriften der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Bd. 2, Frankfurt/Main, Berlin u. Wien 1979, S. 142–168).

Sachter Sarkasmus

Immerhin wird der Eloge von jenseits des großen Teichs nicht eifrig zugestimmt, wie man es von einigen anderen deutschen Medien unserer Tage befürchten muß. Und so läßt sich aus den Zeilen Reinhard Müllers wohl auch ein sachter Sarkasmus herauslesen, der jedoch kaum das Oxymoron vom „gesamtgesellschaftlichen Erfolg“ aufzuwiegen vermag. Während „Volk“ ein mediales Unwort ist, steht hier selbst die an seine Stelle getretene „Gesellschaft“ in maximaler Aufdehnung da, als ein Schwarzes Loch der Inklusion, das jeden aufsaugt – man fühlt sich beinahe an die summarische Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union erinnert.

Schlußendlich bleibt vor allem die bange Hoffnung, daß der deutsche Vorbildcharakter nicht auch darin bestehen möge, als Volk eines nur scheinsouveränen Staats um keinen Preis zu sich selbst kommen zu dürfen… und wohl zu einem guten Teil auch gar nicht mehr zu wollen.

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