Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Tages-GAU

Nun kann man die alte Tante Tagesschau wohl endgültig dazu beglückwünschen, im volkspädagogischen Kosmos der Halbwissensvermittlung angekommen zu sein. Am Montag dieser Woche belehrte uns Jan Hofer in der 20-Uhr-Ausstrahlung, also der zentralen Tagesspektakel-Injektion für den Feierabendbürger, über den Hintergrund der alljährlichen linken Wallfahrt zum Liebknecht-Luxemburg-Grab in Berlin, nämlich „der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch die Nazis“.

Im Nachhinein ist man eben doch immer klüger, und so wissen wir dank der Tagesschau nun endlich, daß bereits im Januar 1919, als die „Deutsche Arbeiterpartei“ gerade zehn Tage alt war und die „Thule-Gesellschaft“ in München kleine esoterische Brötchen buk, die Häscher des überzeitlichen deutschen Ungeistes in Preußen ihr Unwesen trieben und politische Gegner liquidierten.

Man mag diesen geistigen Totalausfall in der öffentlich-rechtlichen Schreibstube gerade als von derlei Geschichte(n) ohnehin entnervter Mensch nun als kleinen Fauxpas abtun; die Tagesschau-Redaktion selbst tat dies jedenfalls nicht und entfernte die bewußte Stelle später klammheimlich aus der Online-Sendung, wie zu meinem persönlichen Amüsement ausgerechnet ein Genosse beim Freitag exakt dargelegt hat.

Cui bono?

Ganz bestimmt handelte es sich bei dieser Absurdität nur wieder um eine ganz zufällige Geschichte; eine von denen, die auch gelegentlich mal spontane Bilder Adolf Hitlers in Nachrichtenbeiträge hineinzaubern. Vielleicht diente die Episode „Tagesschau erklärt uns die Welt“ vom 12. Januar aber auch als Auftakt einer größeren geschichtlichen Flurbereinigung?

Der dem Zuschauer offerierten Logik folgend wäre nicht nur die tatsächlich für die Ermordung der beiden Kommunistenführer verantwortliche „Garde-Kavallerie-Schützen-Division“ (GKSD) ein riesiger NS-Sturmtrupp, sondern auch der damalige kommissarische Oberbefehlshaber und mindestens Mitwisser der Morde Gustav Noske (MSPD) wäre – wie es ja heute üblich ist – als „Wegbereiter des Nationalsozialismus“ zu etikettieren.

Na, ob das die SPD-Funktionäre in der Programmdirektion so gerne sähen? Allerdings müßte sich etwa ein Klaus Gietinger, „Rosa Luxemburg-Historiker“ und Drehbuchautor, die unangenehme Nachfrage gefallen lassen, weswegen er die entsprechenden Hintergründe in seinen Fernsehfilmen über Spartakusaufstand und Kapp-Putsch ausgeblendet habe. Wie wir wissen, geht sowas ja nie zugunsten des Angeklagten aus, nicht wahr?

Nationalsozialismus als alleiniger Sündenfall

Sowas paßte denn auch hervorragend in das immer wieder mal hervorgekramte Konzept, konkret den Nationalismus zum Sündenfall der Menschheitsgeschichte zu machen. In einem erquickend irrsinnigen Artikel der Zeit wurden dereinst sogar die stalinistischen Ausmordungen des eigenen Staatsvolks damit erklärt. Zu schön eine Welt, die man sich so einfach machen kann – und das nur, indem man durch konsequente Vollverdummung die Menschen aus ihrer eigenen Geschichte herauslöst. Wenn das geschafft ist, läßt sich Existenz jederzeit per Medienansage umdeuten, und all die lästigen traditionellen Bindungen sind endlich abgeräumt.

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