Joachim Kuhs

 

Das schmutzige Geschäft der Politik

Das Gespenst der „Politikverdrossenheit“ soll seit Jahren in Europa umgehen. Dabei ist der Begriff „Politik“ in diesem Zusammenhang wohl nicht so klar definiert, wie es Politiker und Medien gerne behaupten. Politikverdrossenheit ist in Wahrheit die Enttäuschung der Bürger gegenüber der real existierenden Politik.

Unter den Kanzlern Schröder und Merkel gab es drei verschiedene Koalitionen. Die Wähler wollten Veränderungen, bekamen sie aber nicht. Wen wundert es da, wenn sich die Menschen abwenden von zahnlosen Politikern und alternativlosen Agenden, um in fiktiven Erzählungen über Politiker, Medien und Parteimechanismen einzutauchen, die inhaltlich schwerer sind, als alle Unterschiede der vergangenen Koalitionsverträge zusammen.

Den Anfang der erfolgreichen Politikserien, die erzähltechnisch erstaunlich tiefgehend sind und genau den Nerv Politikerverdrossener treffen, machte die erstmals 1999 in den USA ausgestrahlte Serie The West Wing – Im Zentrum der Macht. Diese und zwei weitere Serien desselben Genres sind Serienliebhabern wärmstens zu empfehlen.

Hoffnung der Demokraten…

The West Wing kann ohne Zweifel als die Hoffnung und Flucht der links-liberalen Amerikaner gesehen werden. Eine Flucht vor George W. Bush. Eine Hoffnung auf eine Veränderung in der Politik. Denn in den sieben Staffeln und 154 Folgen der Serie, die vom demokratischen Präsidenten Josiah Bartlet (Martin Sheen) und seinem Team handelt, spielt Idealismus und Scheitern eine große Rolle. Zu einem Zitat komprimiert: „Die Natur der Versprechungen ist, daß sie immun sind gegen sich ändernde Umstände.“

Diese Naivität zieht sich durch die ganzen 105 Stunden der Serie. Vielleicht ist es genau diese Ehrlichkeit, die die Serie so erfolgreich machte und für durchweg gute Kritiken sorgte. Im Wesentlichen erzählt die Serie das politische Geschehen im Weißen Haus. Machtkämpfe in Senat und Repräsentantenhaus, Terrordrohungen, Friedensverhandlungen, Wahlkämpfe und ähnliches, werden neben den obligatorischen persönlichen Dramen aus Sicht der Demokraten gezeigt.

…und die pure Enttäuschung

Wenn The West Wing als Hoffnung der amerikanischen Liberalen galt, die mit dem ersten schwarzen Präsidenten sogar in Erfüllung ging, ist House of Cards die daraus hervorgehende pure Enttäuschung. Die New York Times schrieb passend dazu: „West Wing war der Traum, wie unsere Regierung sein könnte. House of Cards ist der Albtraum, wie unsere Regierung tatsächlich geworden sein könnte.“

Tatsächlich handelt das amerikanische Remake der gleichnamigen BBC-Serie von den finsteren Seiten der Politik – und den Medien. Im Zentrum steht der von Oscar-Preisträger Kevin Spacey gespielte Francis Underwood. Als der Demokrat den ihm versprochenen Posten des Außenministers nicht besetzen kann, versucht er auf meisterhaft machiavellistische Machart, seinen Parteifreund und Präsidenten Garret Walker (Michael Gill) zu Fall zu bringen. Schützenhilfe bekommt er von seiner ebenfalls selbstsüchtigen Ehefrau und einer ehrgeizigen Journalisten.

Gefährliche Seilschaften

 

Auch in Europa werden hie und da Serien auf hohem Niveau produziert. Im Genre der Politik ist die dänische Serie Borgen – Gefährliche Seilschaften an erster Stelle zu erwähnen. Im Mittelpunkt steht die Spitzenkandidatin der fiktiven Partei der Moderaten, Birgitte Nyborg Christensen (Sidse Babett Knudsen). Überraschend gewinnt ihre Partei die Parlamentswahlen und durch geschicktes Verhandeln gelingt es ihr, den Premierministerposten zu ergattern.

Christensen, eine durch und durch progressive, politisch überkorrekte Politikerin, die nur so strotzt vor Idealismus, wird zwischen den harten Mühlsteinen der Politik zerrieben. Sie merkt bald, daß im rauen Geschäft der Politik kein Platz ist für Idealismus und muß einige ihrer Grundsätze nach und nach zugunsten der Machterhaltung aufgeben. Dies ist auch das Besondere an Borgen. Auch die zweifelsohne als die „Gute“ dargestellte Hauptfigur muß sich mit dem schmutzigen Geschäft der Politik arrangieren.

Neben der Ministerpräsidentin, ihren Regierungsberatern und Konkurrenten spielen auch politische Journalisten eine wichtige Rolle. Wie eingangs erwähnt, sehnen sich Anhänger politischer Serien nach Authentizität und Idealismus. Dieser wurde in Borgen auch den Journalisten zuerkannt. Sie fungieren in der dänischen Serie als Korrektiv des schmutzigen Geschäfts namens Politik. Auch hier wird immer wieder deutlich, daß politische Journalisten sehr schnell ihren Posten verlieren, wenn sie die Grundsätze ihrer Zunft auch konsequent und ohne Ausnahmen anwenden.

Wer ausreichend Muße hat, dem realen politischen Betrieb für einige Minuten oder Stunden entfliehen möchte, der kann sich getrost in die fiktiven Welten der Politikserien begeben. Obgleich die Hauptrollen aller hier vorgestellten Serien links-liberale Politiker einnehmen, kommt der freie und konservative Genießer garantiert auf seine Kosten.

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