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Mit dem Parka fing es an

Im Sommerloch finden Redakteure großer Tageszeitungen auch mal Zeit, über die Klamotten anderer Leute zu räsonieren. „Immer geschmackloser“ werde der „deutsche Michel“, konstatiert das Fachblatt für Mode und Lebensart Die Welt. Das klingt von der Metapher her schon schief, denn als der Michel noch ein Michel war, im Biedermeier, interessierte er sich zwar auch nicht für Politik, legte aber zumindest größten Wert auf ein sorgfältiges und korrektes Äußeres, wenn er in die Öffentlichkeit ging.

Das tut er heute ersichtlich nicht mehr; um das festzustellen, braucht man freilich keine Welt-Reportage, da genügt ein Gang durch eine beliebige Fußgängerzone. Badeschlappen und kurze Hosen über Männerstelzen, Schlabberklamotten oder knallenge Wurstpellen ohne Rücksicht auf die Augen der anderen, es ist ein Graus. Und weil alles Böse von dem Einen kommt, hat der Weltmann von der Welt auch gleich die passende Erklärung parat: Die Leute laufen so rum, weil die Nationalsozialisten dem Bürgertum das Rückgrat gebrochen haben.

Nanu? Wenn eine totalitäre Diktatur in Deutschland gründlich mit dem Bürgertum aufgeräumt hat, dann ja wohl die kommunistische. Auf alten Fotos sieht man, daß demonstrierende Studenten in den Sechzigern noch mit Anzug, Hut und Krawatte auf die Straße gingen. Erst mit den Achtundsechzigern ging’s dann so richtig los mit der gnadenlosen Individualisierung mittels Turnschuh, Jeans und Parka. „Seit jenem Tag gehör’ ich nicht mehr zur Norm, denn ich trage jetzt die Nonkonformisten-Uniform“, sang Reinhard Mey zeitkritisch schon 1972.

Ästhetischer Verfall des Straßenbildes hat multikulturelle Dimension

Die Absage an gepflegte Kleidung hat ja auch was Antifaschistisches. Der Reflex ist tief verinnerlicht, auch und gerade in der Zeitgeist-Postille Welt, die uns an anderer Stelle raunend darüber aufklärt, daß besonders gefährliche Rechtsextremisten sich auch darüber Gedanken machen, wie sie sich „heute in Schale werfen“. Da haben wir’s wieder. Vielleicht sollte der Kollege Michel-Kritiker doch nicht so laut lamentieren.

Das von allen repressiven Zwängen befreite, selbstverwirklichte Individuum interessiert sich nun mal nicht dafür, wie es von anderen wahrgenommen wird und welchen Einfluß sein Verhalten auf das Erscheinungsbild des öffentlichen Raumes hat. Für die Öffentlichkeit, das Gemeinwesen, ist man ja nicht verantwortlich, nur für das eigene Wohlbefinden. Überflüssig, anderen Respekt zu erweisen, indem man sich geschmackvoll kleidet und zurechtmacht und seine Speise- und Verpackungsreste nicht wahllos in die Gegend feuert. Daß die Innenstädte schneller verschmuddeln, als die Kommunen sie sanieren können, ist immer das Problem der anderen.

Übrigens: Häßlich anziehen können sich nicht nur Deutsche. Der ästhetische Verfall des Straßenbildes hat auch eine multikulturelle Dimension. Akif Pirincci hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht und eine erste Abrechnung gleich mitgeliefert. Vielleicht nehmen sich gelangweilte Feuilletonisten das Thema im nächsten Sommerloch vor, statt wie unser Welt-Geschmackskritiker sich die ästhetische Erlösung durch „junge türkische Frauen und Männer“, „sportlich straff und gut frisiert“, herbeizuphantasieren? Wär mal was Neues.

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