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Güter, Weizen und Ruinen

Radtour durch Südwestmecklenburg. Gemeinsam mit einem so jungen wie exzellenten Landesgeschichtler, der trotz ausgezeichneter Stellung und Reputation ein Enthusiast geblieben ist, einer, der sich den sinnlichen Bezug zum Land bewahrte, dem er als Landeskind die Treue hielt und das ihm daher mehr ist als nur Forschungsobjekt und Archivalie.

Vorm baufälligen Schloß Varchentin in seinem morbiden Tudor-Charme, den verwildernden Lenné-Park im Rücken, die eingefallenen Dächer der riesigen Backstein-Scheunen im Blick, schwärme ich allzu romantisch vom früheren mecklenburgischen Gutsdorf – das aber, ergänzt mein Begleiter, ohne die kraft effizienter Schlagwirtschaft ermöglichten Überschüsse und vor allem die Weizenausfuhr über die Ostseehäfen bis nach England nicht zu denken wäre. Frühe Globalisierung. Weltoffenheit!

Das nahe Strelitzer Herzoghaus überhaupt traditionell sehr auf England orientiert. Und Großflächenwirtschaft lange vor den DDR-LPGen und grundsätzlich nicht so verschieden von heutigen Agrarunternehmen. Damals ermöglicht durch Bauernlegen, Schollenbildung, Leibeigenschaft. Dann die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts, die technischen Innovationen, etwa die von der sowjetischen Besatzung später abmontierten Feldbahnen, die Dreschmaschinen, die Düngung.

System des laufenden Ausgleichs

Varchentin zeugt noch von der wirtschaftlichen Potenz der Gutsherren, von jeher viele bürgerliche darunter. Der in Varchentin hieß schlicht Gottlieb Jenisch und war in Hamburg Bankier. – Der kolportierte und Bismarck zugeschriebene Satz, man solle nach Mecklenburg gehen, wenn der Weltuntergang bevorstehe, denn dort geschehe ja alles fünfzig, gar hundert Jahre später, ist vom Reichskanzler übrigens nie geäußert worden, vielmehr handelt es sich dabei um eine frühe sozialdemokratische Erfindung.

Dennoch: Die beiden mecklenburgischen Herzogtümer Schwerin und Strelitz blieben bis zur Novemberrevolution Ständestaaten. Einen landesfürstlichen Absolutismus gegen den Adel, also die Ritterschaft, durchzusetzen, gelang den Herrscherhäusern hier wie dort nicht. Alle Beschlüsse wurden auf wechselseitig in Sternberg und Malchin zusammentretenden Ständetagen gefaßt. Wenigstens eine Form der Mitbestimmung, sagt mein Begleiter. Es muß schon Intelligenz versammelt gewesen sein, um mit diesem System des laufenden Ausgleichs zwischen Domanium, Ritterschaft und Landstädten Politik zu machen.

Wir sind vorm Schloß Kittendorf angekommen, wo die Preußen nach der gescheiterten 1848er Revolution dem mecklenburgischen Großherzog Friedrich Franz II. zusetzten, sich bloß nicht an sein ehrlich gemeintes Verfassungsversprechen zu halten, damit sie selbst, Reformen abhold und die eigene Verfassung eher widerwillig oktroyierend, auf einen Ständestaat verweisen konnten.

Wie eine Insel im Meer

Also keine Konstitution. Bis 1919 nicht! Und während der mecklenburgische Tagelöhner ab 1871 frei und gleich den gesamtdeutschen Reichstag mitwählte, hatte er in seiner Heimat politisch gar nichts zu sagen. Aber: Schaut man sich die Reichskarte des späten 19. Jahrhunderts an, ist man rein optisch schon verblüfft darüber, daß beide Mecklenburg bestehen bleiben, eingerahmt von der blauen Fläche Preußens, wie eine Insel im Meer.

Wir fahren mit den Rädern die Anhöhe hinter Lehsten hinauf, zu der Stelle, wo ein Stein an den bekannteste Sohn des Ortes, Friedrich Griese, erinnert, den bedeutenden Land-Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts – als Autor mittlerweile ein Geheimtip, aber ein immens lohnender.

Vollständiger Traditionsabriß!

Was bleibt von Mecklenburg? Der junge Historiker bringt’s auf einen treffenden Begriff: Vollständiger Traditionsabriß! Von den entscheidenden Landespolitikern interessiert sich niemand für den Ursprung der Regionalkultur, also auch nicht für die Neuerungen, die von hier ausgingen.

Das Thünen-Museum bspw. ist von Schließung bedroht. Ein Landesmuseum zur mecklenburgischen Geschichte gibt es überhaupt nicht! Das Bundesland selbst ist von auswärtigen Zuwendungen abhängig und sieht, sobald diese Alimentierungen durch Bund und Brüssel beendet werden, seinem Aufgehen in einem geschichtlich anonymen Nord-Staat entgegen.

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