Für immer abgebrannt?

Ja, Pommerland ist abgebrannt, und wenige interessiert’s. Es ist leicht zu erklären, warum die Wehrmachtsausstellung im Kieler Landtag gezeigt, die Ausstellung der Pommerschen Landsmannschaft hingegen gekippt wurde.

Die Wehrmachtsausstellung hat die Staatsmetaphysik, deren tragende Säulen der Holocaust und die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg bilden, zementiert, während die Pommern sie, nun ja, relativieren wollten, indem sie die deutschfeindliche Politik Zwischenkriegspolens thematisierten. In der DDR war es unmöglich, die „ruhmreiche Sowjetarmee“ mit den von ihr verübten Massenvergewaltigungen in Verbindung zu bringen. Die Unterschiede werden immer geringer.

Doch zurück zu Pommern beziehungsweise zur Vertreibung: Sie ist weitgehend die Angelegenheit der Erlebnisgenerationen geblieben. Die Teilnehmerzahl der Pfingstreffen nimmt stetig ab. Die Bedeutung und öffentliche Präsenz des Bundes der Vertriebenen (BdV) hängen allein an seiner Präsidentin Erika Steinbach, die gerade 70 Jahre alt geworden ist.

Vom Zentrum gegen Vertreibungen, das sie einst geplant hatte, ist keine Rede mehr. Das „Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum zu Flucht und Vertreibung“, das an seiner Stelle errichtet wird, entsorgt die nationale Katastrophe in einen geklitterten Kausalnexus. Dagegen anzureden ist zwecklos. Die Machtverhältnisse in Politik und Medien sind eindeutig.

Keine Resignation

Diese Feststellung bedeutet keine Resignation, im Gegenteil. Hat man das Unabweisbare akzeptiert, dann wird der Blick frei. Die Vertriebenenorganisationen sollten ihre Ressourcen auf das Mögliche und Machbare konzentrieren.

Selbsthilfe ist angesagt! Vor allem müssen die erhalten gebliebenen Dokumente und anderen Zeugnisse aus den Vertreibungsgebieten zusammengefaßt, bewahrt und archiviert werden – für künftige Interessenten und Historiker-Generationen, die aufgeschlossener sind als die heutigen. Die Heimatkreise stehen aus Altersgründen vor dem Aus.

Benötigt wird ein festes Dach, unter dem die Bestände ihrer Heimatstuben versammelt werden. Auch die Erben von Privatnachlässen brauchen einen zentralen Ansprechpartner. Auf Internetplattformen werden für geringe Summen häufig Schriftstücke, Verwaltungsakten oder Fotos aus dem deutschen Osten angeboten. Es lohnt sich, hier ebenfalls aktiv zu werden.

Junge, arbeitslose Historiker könnten projektgebunden finanziert werden, um professionelle Ortschroniken zu erstellen, die letzten Zeitzeugen zu befragen, die Archivbestände zu katalogisieren, ins Netz stellen usw.. Das schließt nicht aus, sondern erleichtert es, staatliche Hilfe zu erbitten und gelegentlich auch zu erhalten.

Eigeninitiative ist gefragt

Es gibt hervorragende Beispiele für Eigeninitiativen, etwa der Bildband „Friedrichstein. Das Schloß der Grafen Dönhoff in Ostpreußen“, den der Dirigent Christian Thielemann zusammen mit dem Kunsthistoriker Kilian Heck 2006 herausgegeben hat. Der Berliner Kunsthistoriker Wulf D. Wagner hat zwei opulente Bildbände über das Königsberger Schloß erarbeitet, die auf Jahrzehnte, wenn nicht länger, das verbindliche Standardwerk bleiben werden.

Vom selben Autoren stammt eine zweibändige Dokumentation über die „Kultur im ländlichen Ostpreußen“, konkret über die „Geschichte, Güter und Menschen im Kreis Gerdauen“. Auf über 1.000 Seiten werden zahlreiche Fotos – darunter frühe Farbfotografien – gezeigt und die Grundrisse der Häuser bis hin zur Möblierung rekonstruiert. Vorausgegangen waren ausgiebige Archivarbeit, zahllose Telefonate,  Briefwechsel, Gespräche, endlose Geduld und – grenzenlose Begeisterung!

Ich breche hier ab. Es geht darum: Die knappen materiellen, personellen und institutionellen Reserven, die noch vorhanden sind, müssen klug, zielgenau und strategisch eingesetzt werden: zugunsten konkreter Projekte und Einzelkämpfer. Die herkömmliche Vertriebenenarbeit ist an ihr Ende gekommen. Die Konzentration auf solide historische und archivalische Arbeit ist lohnender als alle kniefälligen Versuche, in der Tagespolitik mitzuspielen.

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