Von der Menschwerdung Gottes – Zweiter Teil

Mit dem ersten öffentlichen Auftreten des Jesus von Nazareth entstehen also zwei unterschiedliche Strömungen, die sich jede auf ihre eigene Weise mit dem Geschehnis auseinandersetzte. Das eine ist eine Gelehrtenströmung, die mit aller ihr zur Verfügung stehenden Weisheit den geistigen Impuls zu erfassen sucht, der hinter Jesu Geburt, Leben, Tod und Wiederauferstehung steht. Das andere ist eine Volksströmung, die zwar hingebungsvoll an der äußeren Gestalt Jesu hängt, aber nicht zu diesem geistigen Impuls gelangen kann.

Unsere Glaubensbekenntnisse, sie entwickelten sich aus der ersten Strömung. Hier wurden die Fähigkeiten und das Wissen vereinigt, sich der Menschwerdung Gottes in ihrer gewaltigen Bedeutung zu nähern und für die Nachwelt festzuhalten. Über nichts davon verfügte die zweite Strömung. Hier gab es keine Schriftkundigen und wenige fühlten den Drang in sich, das Ereignis tiefer zu verstehen. Sie lebten einfach ihr Leben weiter, bestellten das Feld, zogen Kinder groß, trieben Handel. Und kamen sie ins Gespräch, erzählten sie sich einander von dem Erlebten.

Die Gelehrten, sie reisten in fremde Länder und predigten das Evangelium. Doch auch unabhängig von ihnen breitete sich die Frohe Botschaft aus. Auf den Märkten, in den Gassen, zwischen feilschenden Händlern: „Deinen Kindern, geht es ihnen gut?“ „Ja, Gott sei gepriesen. Mein ältester Sohn ist gerade mit einer Karawane aus Jerusalem zurückgekehrt. Er hat dort den Nazarener gesehen, von dem viele sagen, er sei der letzte der Propheten. Wundersame Dinge hat er dort gesehen.“ „Wirklich? Erzähle mir mehr davon.“

Wo das Evangelium auch verkündet wurde, ihm voraus eilten Gerüchte, von einfachen Menschen erzählt. Was ihnen unwichtig erschien, was sie nicht verstanden, wurde weggelassen. Stattdessen wußte der Tuchhändler ausführlich zu berichten, was für Stoffe, der Spezienhändler, was für Gewürze dieser Prophet bevorzugt habe. Und nachts, wenn die Karawane ruhte, überboten sie sich gegenseitig in unterhaltsamen Geschichten. Immer mehr eigene Erinnerungen, eigene Überzeugungen, immer mehr Eigenes, wurde so hineingewebt.

So veränderte sich die Kunde allmählich und begann, losgelöst von den tatsächlichen Ereignissen, ihr Eigenleben zu führen.

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