Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Über Intelligenz und Instinkt – Zweiter Teil

Was früher im Menschen kraftvoll an Instinkten waltete und das Leben gestaltete, es ist ihm verkümmert. Der moderne Mensch achtet gering, was sich seiner fordernden Intelligenz verhüllen will. Denn was früher als Kraft in die Instinkte strömte, heute schießt es ihm in die persönliche Intelligenz. Die Universitäten, früher abgeschiedene Inseln des Gedankenaustauschs, umfassen heute selbst als Masseneinrichtungen nur einen kleinen Teil dessen, was unsere Gesellschaft an Intellektualität erzeugt.

Gewiß, auch heute noch findet man Menschen, man mag sie vielleicht als schlichte Gemüter bezeichnen, die aber, wird man mit ihnen vertraut, einem ungeheure Weisheit offenbaren. Diese wird aber mehr gefühlt als gewußt. Ganz anders der moderne Mensch. Seine von Kindesbeinen an hochgezüchtete Intelligenz, durch sie weiß er alles, und noch viel mehr. Und wenn er mal etwas doch nicht weiß, so könnte er es sich durch seine Intelligenz aneignen und als persönlichen Besitz in seinem Hirn einlagern.

Ein seltsamer Widerspruch herrscht jedoch zwischen dieser ungeheuren Selbstüberzeugung, mit welcher der moderne Mensch auftritt, und dem, was er eigentlich zu leisten im Stande ist. Sicher ist es beeindruckend, wenn er durch Knopfdruck reale oder virtuelle Waren über den Globus wirbeln läßt. Oder auch erschreckend, wie er mit einem anderen Knopfdruck ganze Kontinente auslöschen kann. Aber bei allem, was über diesen Bereich hinausgeht, da schrumpft er rasch zum Zwerg.

Ein völliges Mißverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit

Sein bisschen Intelligenz reicht dann gerade noch zur Gestaltung seines unmittelbaren Lebensumfeldes aus. Wann gibt es Essen? Wer fährt die Kinder zur Schule? Das schafft man noch. Aber darüber hinaus bringt man es meistens nur zu Theorien. Ihnen allen gemeinsam ist, daß sie nichts, aber auch rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Man blättere nur durch das Programm einer beliebigen, größeren Partei, und man wird erstaunt sein, zu wie viel Dummheit erwachsene Menschen fähig sind.

Wie ist dieses völlige Mißverhältnis zu erklären? Auf der einen Seite, sagen wir, so etwas wie ein gekoppeltes Wärmeheizkraftwerk. Ein beeindruckendes Ergebnis menschlicher Intelligenz. Auf der anderen Seite so etwas wie die Euro-Rettungsmaßnahmen. Wir unterstellen einmal, daß deren Finanztechniker auch ein Ingenieursstudium hätten absolvieren können, also die gleiche geistige Befähigung besitzen. Man wird dann nicht umhin kommen, bei derselben Intelligenz ein totales Versagen festzustellen.

Um diesem Phänomen weiter auf den Grund gehen zu können, müssen wir uns zunächst einmal das Zusammenspiel von Intelligenz und Instinkt vergegenwärtigen. Auch wenn es immer problematisch ist, zur Deutung menschlicher Phänomene auf Beispiele aus dem Tierreich zurückzugreifen, so sei doch einmal geschaut, wie sich hier diese beiden Größen zueinander verhalten. Vielleicht erhellt das unsere Frage, warum unsere Intelligenz uns zugleich ergebenster Diener wie rücksichtslosester Herrscher ist.

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