Mach doch mal einen Waldlauf

Es geht nichts über gut eingelaufene Sportschuhe, und ich trage sie so lange wie möglich, bis sie also völlig zerfleddert sind. Werfe ich sie endlich in die Tonne, denke ich: Wieder zwei hin, aber was wäre das für eine Galerie, wenn du all diese verschlissenen, an den Nähten aufgeplatzten Paare aufgehoben hättest, so als Andenken.

Ich hatte mir das Laufen angewöhnt, als es das Wort Joggen dafür noch nicht gab, jedenfalls nicht in der DDR, im Osten, wo Kompensationsübungen gestreßter Yuppies im New Yorker Central Park niemanden interessierten. Als ich Siebenkläßler war, hatte mein Vater mir geraten: Mach doch mal einen Waldlauf, das trainiert. Denn ich kam im Sport nur recht und schlecht klar, ich galt in der Turnhalle gar nichts, im Gegenteil, ich hatte wegen eines angeborenen Fußstellungsfehlers andauernd Termine bei einem Orthopäden in der Kreisstadt und hätte meine Eins in Mathematik sofort gegen eine im Sport getauscht. – Mach doch mal einen Waldlauf!

Meine Freunde fuhren lieber angeln

Seitdem drehte ich unter den Kiefern hinter meinem Prignitzer Dorf einsame Runden. Niemand sonst tat das, nichts war „trendig“ daran; die Dörfler, meist Genossenschaftsbauern, hätten es blödsinnig gefunden, sich außerhalb der Arbeit noch trainierend abzurackern. Und meine Freunde fuhren lieber angeln. Begegnete mir jemand, war’s mir immer ein bißchen peinlich. Aber ich schwitzte weiter dicke Baumwolle voll, und als ich auf die Erweiterte Oberschule kam, reichte meine Form trotz der verbogenen Knochen schon für ein Trainingszentrum, wo ich zwar keine große Nummer wurde, aber wenigstens mit den Abiturienten Gewichte stemmte, deren immer gleiche Namen auf der Wandzeitung mit den Leichtathletikrekorden standen.

Egal, was in meinem Leben passierte, ich blieb dabei. Überall, wo ich war, suchte ich mir ein paar gute Runden, vorzugsweise allein, vorzugsweise in der Natur, lieber auf Wald- und Feldwegen als in der Stadt oder in Parks, wenn es irgendwie ging. Nur raus! Mich einer Gruppe anzuschließen vermied ich ebenso wie mir einen Laufkumpel aufzutreiben. Ich lief während des Abiturs, während der Armeezeit und ebenso, als nebenher der Staat unterging, in dem ich großgeworden war. Während die Leipziger, die sächsischen „Heldenstädter“, ihre grandiosen Demonstrationen begannen, war ich dort Student und lief, anstatt mich Sprechchören anzuschließen, die langen Rhododendronwege des verschwiegenen Südfriedhofs entlang, an der dem Kloster Maria Laach nachempfundenen Aussegnungshalle vorbei auf das dunkle Völkerschlachtdenkmal zu, das dort wie eine stille Glocke aus Beuchaer Porphyr aufragte, kilometerweit entfernt vom doch so dicht vorbeischwingenden „Mantelsaum der Geschichte“.

Einsame Bewegung gegen den weiten Horizont

Eskapismus? Eher fand ich Masse und Euphorie von jeher unangenehm. Kopfschüttelnd überwinterte ich schon eine ganze Weile in der späten DDR, und mehr als Versorgungsquerelen und fehlende Reisefreiheit störte mich die politisch sanktionierte Lügerei in den „Gesellschaftswissenschaften“ der Universität, nicht jene der Streber, sondern die der Professoren, die es besser wissen mußten. – Tage später hatte sich alles gedreht: Revolution, hieß es. „Wind of Change!“ Die Welt würde endlich, endlich eine bessere. Ich lief skeptisch weiter um das finstere Denkmal herum und sah zu den riesigen Wächterfiguren in ihrem trauernden Ernst hinauf. Die blickten herunter auf ein Jahrhundert, mit dem sie schon viel Geduld bewiesen hatten.

Mein ignorantes Training erlebte ich stets eher als seelisches denn athletisches Ereignis. Etwas hochtrabend ausgedrückt: Vielleicht vermittelte mir das Laufen die menschliche Grunderfahrung, immer lange Wege gehen zu müssen. Mag sogar sein, in der einsamen Bewegung gegen den weiten Horizont der norddeutschen Grundmoräne ließe sich eine abendländische Form der Meditation ausmachen. Denn wenn man einigermaßen in Form ist, hört die Schinderei auf, und eher, scheint’s, läuft es einen, als daß man selbst läuft. Atem und Schrittmaß kommen in Gleichklang, und es ist, als ginge der Materiestrom der Luft, ja der ganzen Landschaft durch einen hindurch. Erste mystische Weisheit: Alles ist eines. Die zweite: Der Weg geht nach innen. – Also bloß keine Anquatscherei nebenher, nur keine Musik in den Ohren, sondern – mit Benn – „bleiben und stille bewahren/das sich umgrenzende Ich.“

Anstrengung läßt sich genießen

Wichtig war es zu lernen, daß sich Anstrengung genießen läßt. Sport ist für diese Schule der zugänglichste Weg. Es sind keine Drachen mehr zu töten, die Prinzessinnen bewachen, nirgends taucht mehr ein Zwerg auf, der einem hämisch drei hammerharte Aufgaben stellt, und für die meisten Männer liegt die letzte kraftvolle Bewährung nur noch darin, ihrer Frau die Verschlüsse von Einweckgläsern zu öffnen.

Aber im Ernst: Lief ich früh morgens eine Runde, meinte ich mitzubekommen, daß die Natur, gerade in Ruhe gelassen, noch spricht. Gegen die Rammdösigkeit und den Stumpfsinn von Lehrerzimmern war ich danach für den ganzen Tag gefeit. Und meinem Vater, gleichfalls früher Lehrer, konnte ich neulich etwas zugespitzt sagen: Der Unterschied zwischen meiner Schule und deiner liegt darin, daß wir früher auf Ausflügen, Radtouren und Wanderungen höflich darauf warteten, daß unsere Lehrer auch mitkamen. Heute ist es nicht selten umgekehrt.

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