Erklärt Pereira

Nach allem, was man hört, muß etwas Besonderes gewesen sein um den 22jährigen Giuseppe Marcone, der im September 2011 in Berlin von den Schlägern Ali Eren T. und Baris B. vor ein Auto gehetzt wurde und zu Tode kam. Hunderte Leute versammelten sich damals am Unfallort, nicht als atavistische Horde, die ihren heiligen Zorn herausschreit, sondern als Trauernde, die einen Verlust beweinen. Es gibt ja Menschen, von denen ein Wärmestrom ausgeht, der selbst Misanthropen beschwingt in den Tag gehen läßt.

Die Täter haben lediglich eine Bewährungsstrafe erhalten. „Wäre er etwas langsamer gelaufen wäre, wäre es nicht passiert“, so der Vorsitzende Richter Ralf Ehestädt. Gemeint war der Tote. Ein Urteil von dieser Qualität hatte ich erwartet. Es entspricht den Verhältnissen, die wir haben. Ein Leser meinte hier in der Kommentarspalte, es gälte, die Hintergründe dieses Systems zu durchleuchten, die stillen Übereinkünfte oder gar geheimen Anweisungen offenzulegen, die hinter dieser Justizpraxis steckten.

Ein literarisches Beispiel aus der diktatorischen Praxis

Wohl wahr, doch will ich auf eine andere Nachricht verweisen, die zeitgleich durch die Presse ging. Auf die Nachricht vom Tod des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi. Auf seinen Roman „Erklärt Pereira“ wurde ich vor 15 Jahren durch die Verfilmung mit Marcello Mastroianni aufmerksam. Das Buch spielt in den 30er Jahren in Portugal unter dem Diktator Salazar.

Pereira, ein Mann jenseits der 60, ist Kulturredakteur einer kleinen katholischen Zeitung. Der Philosophiestudent Monteiro Rossi bewirbt sich bei ihm als Rezensent. Rossi gehört auch dem Widerstand an. Sicher, Salazar ist kein Hitler oder Stalin, und auch Rossi ist kein geborener Revolutionär. Er ist bloß ein freier Geist, der das Unrecht haßt, seine bevorzugten Dichter sind Majakowski, Marinetti, D’Annunzio, Garcia Lorca. Eines Tages bittet er Pereira, ihm Unterschlupf zu gewähren. Doch die Polizei ist ihm schon auf den Versen, drei Typen dringen in Pereiras Wohnung ein und zertrümmern Rossi den Schädel.

Der unpolitische Pereira entschließt sich nun, ins Exil zu gehen. Aber vorher schreibt er einen Nachruf auf Rossi, und mit List gelingt es ihm sogar, ihn zu veröffentlichen. In gespielter Simplizissimus-Einfalt setzt er im Text eine Rechtsordnung voraus, die zwar auf dem Papier steht, aber längst außer Kraft gesetzt ist. Indem er den zur Regel gewordenen Wahnsinn als kriminelle Ausnahme beschreibt, bringt er die herrschenden Verhältnisse zur Evidenz!

Ein waches Auge auf die Gewalttaten hinter dem Rücken der Behörden

Ein längeres Zitat aus dem Artikel, welches das Verbrechen schildert: „Sie gaben sich als Geheimpolizei aus, wiesen jedoch keinen Ausweis vor, der ihre Angaben bestätigt hätte. Der Verfasser dieses Artikels neigt zu der Annahme, daß es sich nicht um echte Polizisten handelte, weil sie in Zivil waren und weil er hofft, daß die Polizei nicht zu solchen Maßnahmen greift. Es waren Verbrecher, die im Einverständnis mit irgend jemand handelten, und es wäre angebracht, daß die Behörden diesen schändlichen Vorfall untersuchten. Sie wurden angeführt von einem kleinen dünnen Mann, mit Schnurrbart und Spitzbart, den die anderen mit ‘Kommandant‘ ansprachen.

Die beiden anderen wurden ebenfalls mehrmals von ihrem Kommandanten namentlich angesprochen. Sofern es nicht falsche Namen sind, heißen die beiden Fonseca und Lima, es sind zwei große, kräftige Männer von dunkler Hautfarbe und wenig intelligentem Gesichtsausdruck. Während der kleine Dünne den Verfasser dieses Artikels mit der Pistole bedrohte, schleppten Fonseca und Lima Monteiro Rossi ins Schlafzimmer, um ihn zu verhören, wie sie es nannten. (…) Die drei verließen rasch die Wohnung des Verfassers dieses Artikels, wobei sie ihm mit dem Tod drohten, sofern er den Vorfall nicht für sich behalte. (…) Wir fordern die zuständigen Behörden auf, ein waches Auge auf die Gewalttaten zu haben, die hinter ihrem Rücken und vielleicht im Einvernehmen mit irgend jemandem zur Zeit in Portugal verübt werden.“

Erklärte Pereira anno 1938 in Portugal.

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