Arier

Zu den geheimnisumwitterten Begriffen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über den natürlich trotzdem fast jeder etwas zu wissen glaubt, gehört neben der neulich erwähnten Herrenrasse auch der des Ariers. In der Bundesrepublik hat er sogar einen Ruf der nahen Verwandtschaft zur „Herrenrasse“, und zwar als Begründungsversuch einer deutschen Überlegenheit über die europäischen Nachbarn, ganz besonders die östlichen. 

Gerne werden aus dieser Annahme weitreichende Mutmaßungen über geschichtliche Vorgänge abgeleitet, und das ist auch der Anlaß dieses Beitrags. In einem Buch, das ich gerade zur Besprechung für die JF gelesen habe, verbreitet sich der Autor, immerhin ein Professor für Zeitgeschichte, über deutsche Versuche, aus pseudoarischem Dünkel „verachtete Polen“ während des Krieges teilweise zu „Ariern“ zu machen, also zu Deutschen.

Ernüchternde Erlebnisse

Hier wird ein Gegensatz aufgebaut, der sich so durch ungezählte Veröffentlichungen zieht: Arisch-Deutsch steht gegen Polnisch-Slawisch. Polen oder andere östliche Nachbarn seien mit dem Arierbegriff gezielt denunziert worden, steht zu lesen. Gerne wird dies umfangreich ausgebaut. Spekulationen über geplante Massendeportationen und Ausschreitungen schließen sich an, manchmal mit Mutmaßungen über gezielt geförderten „Slawenhaß in der Wehrmacht“ verbunden. So klingt es zum Beispiel auch aus dem Deutschen Historischen Institut in Warschau. Gefördert worden sein soll dies demnach durch den Ariernachweis, der jedem deutschen Soldaten abverlangt wurde.

Immerhin ist die Rede vom Ariertum im Gegensatz zur Herrenrasse tatsächlich ein gängiger nationalsozialistischer Begriff gewesen. Konsultiert man jedoch in dieser Sache den „Ahnenpaß“, der damals in Sachen Arier vorzulegen war, hat man das leider übliche ernüchternde Erlebnis über den aktuellen Kenntnisstand über solche Begriffe. Der nationalsozialistische Ahnenpaß versteht unter Ariern ausdrücklich folgende Personen, ganz egal wo sie auf der Welt leben würden: „z.B. ein Engländer oder Schwede, ein Franzose oder Tscheche, ein Pole oder Italiener“.

Polnische Rechte propagierten arisches Christentum

Hier wurden romanische, germanische und slawische Völker umstandslos in einem Atemzug genannt. Jeder Soldat, der seinen Ahnenpaß mit sich herumtrug, wurde Schwarz auf Weiß auf das proklamierte gemeinsame deutsch-polnische Ariertum hingewiesen. Dazu gab es eine umfangreiche Vorgeschichte auch von anderer Seite, denn der Arierbegriff war seit dem 19. Jahrhundert in Europa in Mode, zur Selbstbeschreibung durchaus auch in Polen. Teile der polnischen Rechten propagierten schon vor dem ersten Weltkrieg ein „arisches Christentum“. Gelegentlich wurde in Warschau in den 1930er Jahren auch der polnisch-deutsche „Arierblock“ als Basis der kommenden Politik gefordert. Hintergrund war, wie in Deutschland auch, nicht eine antislawische Bedeutung des Wortes, sondern eine antijüdische. Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.

Bedeutet das nun, daß es im Nationalsozialismus keine antislawischen Effekte oder antislawische Propaganda gegeben hätte? Nein. Es bedeutet lediglich, daß der Arierbegriff der NS-Terminologie für die Begründung von Slawenverachtung nichts hergibt, auch nicht für eine verächtliche Besatzungspolitik gegenüber Polen. Dies könnte auch die Zeitgeschichtsschreibung beachten, es könnte eigentlich nicht schaden.

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