Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Überall Verschwörungen

Als Verschwörungstheoretiker will sich jeder genauso ungern bezeichnen lassen, wie als „Rassist“, „Antisemit“, „Rechtsextremist“, oder was es dergleichen an rhetorischen Keulen sonst noch so gibt. Wer der Verschwörungstheorie bezichtigt wird, antwortet daher meistens, daß ihm nichts ferner läge als das. Schon der Begriff „Verschwörungstheorie“, so heißt es dann nicht selten, sei bereits tendenziell und zerstöre freies Denken.

Diese Verteidigung scheint mir der falsche Ansatz zu sein, denn Verschwörungstheorien müssen eigentlich gar nicht als etwas Anrüchiges betrachtet werden. In Politik und Gesellschaft sind Verschwörungen vielmehr völlig normal und alltäglich. Laut Wikipedia ist eine Verschwörung nämlich eine „heimliche Verbündung mit dem Zweck, einen Plan auszuführen, der ein selbstsüchtiges, verwerfliches Ziel verfolgt und dessen Umsetzung zum Schaden anderer geschieht oder der die Beseitigung tatsächlicher oder vermeintlicher Missstände anstrebt.“ Niemand wird bestreiten, daß so etwas täglich vorkommt.

Verschwörung fängt banal an

Es fängt mit banalen Dingen an, beispielsweise, wenn eine kriminelle Jugendbande sich einigt, bei polizeilichen Verhören nichts über einen Tathergang zu sagen. Oder bei der Schüler-Clique, die dem Lehrer einen Streich legen will, indem sie ihn zunächst in einen Hinterhalt lockt. In einigen Ländern ist die Verschwörung daher auch Straftatbestand.

Verschwörungen können sogar etwas Positives sein. Jeder kennt die Redewendung vom „verschworenen Haufen“. Ein US-amerikanischer Film heißt „Stauffenberg – Verschwörung gegen Hitler“. Positiver kann eine Verschwörung kaum sein. Der eigentliche Angriff auf das freie Denken liegt nämlich nicht darin, umstrittene Positionen als Verschwörungstheorie zu bezeichnen, sondern darin, Verschwörungstheorien überhaupt für etwas Verwerfliches zu halten und von vornherein mit Unsinn gleichzusetzen.

Einzelfallbetrachtung angeraten

Stattdessen muß man jede Verschwörungstheorie einzeln betrachten, und es gibt, um das klarzustellen, hier natürlich allerlei Unsinn. Die „alternativen“ Theorien etwa zum 11. September oder zum Tod Jörg Haiders zählen für mich eindeutig dazu, und sie lassen sich auch leicht widerlegen. Heute aber wird oft jeder zu Unrecht als paranoid stigmatisiert, der sich fragt, welche ideologischen, finanziellen und machtpolitischen Interessen-Schnittpunkte verschiedener Kreise den Hintergrund für manche Entwicklung bilden.

Im Zusammenhang mit Klimawandel-Skeptikern sprach etwa der Tagesspiegel im letzten Jahr von „paranoiden Komplottbehauptungen“. Eva Herman mußte sich von dem Historiker Wolfgang Wippermann in der berühmtem „Kerner“-Sendung 2007 vorhalten lassen, sie sei von einer „Verschwörungspathologie“ betroffen, nur weil Herman dem Fernsehsender RTL vorwarf, entlastende Mitschnitte bezüglich ihrer Aussagen zum braunen Reich nicht herauszugeben.

Unbequeme Zeitgenossen werden für verrückt erklärt

Solche unbegründeten Stigmatisierungen Andersdenkender als pathologisch krank kennen wir aus kommunistischen Staaten, und genau dort haben sie auch ihre Wurzel. Zur mangelnden Emanzipation Europas von kommunistischen Denkstrukturen nach 1989–1991 und dem damit einhergehenden Ungeist der „DDR light“ gehört eben auch, unbequeme Zeitgenossen in die Ecke von Verrückten zu stellen. Kein Zufall ist es daher, daß der bereits erwähnte Wippermann in einem Buch unter der Überschrift „Der nekrophile Antikommunismus der aufgeklärten Linken“ von einem „pathologischen“ Antikommunismus spricht.

Aus diesem DDR-light-Hintergrund des Paranoia-Vorwurfs ist es zu erklären, daß dieser Vorwurf besonders häufig von links kommt. Man hat für die Pflege des Paranoia-Feindbilds diverse linke Kampfbegriffe eingeführt: Von der „Homophobie“ über die „Islamophobie“ bis zur „Transphobie“ gibt es für verschiedenste unbequeme Positionen eine Keule, mit der man den Nicht-Linken als pathologisch krank darstellt.

Linke Resistenz gegen Verfolgungswahn?

Es gibt aber in der deutschen Sprache eben keine „Patriotophobie“, „Maskulinophobie“ oder „Marktophobie“. Der Linke sieht sich als der sowieso bessere Mensch wegen seiner politischen Einstellung schon von vornherein resistent gegen Verfolgungswahn. Kurios ist es, wenn die selben Linken von einem angeblichen „Scharnier“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus fabulieren oder die Zeit allen Ernstes ein „braunes Potential“ bei 70 Prozent der Gesellschaft sehen will.

Dieser Widerspruch führt oft zu skurrilen Situationen. Da erklärt etwa der linke 9-11-Verschwörungstheoretiker die Argumente der Klimaskeptiker für indiskutabel, weil sie krude Verschwörungstheorien seien. Oder der „antifaschistische“ Journalist, der den Rechtsextremismus „in der Mitte der Gesellschaft“ wähnt, spricht von „Paranoia“, wenn von rechter Seite der linke Meinungsterror kritisiert wird. Wir haben es mit einer paranoiden linken Elite zu tun, die sich ständig verfolgt fühlt von „Sexisten“, „Rassisten“, „Marktradikalen“, besonders aber von den „Verschwörungstheoretikern“, die an der Spitze der politisch inkorrekten Konspiration stehen und zum geheimen Angriff auf das System und die Linke blasen.

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