Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Über das Linkssein

Beim besten Willen kann ich nicht verstehen, wie man heutzutage noch „links“ sein kann. Bis gestern jedenfalls. Mein Nachbar, an und für sich ein feiner Kerl, ist es. Wir kamen ins Gespräch, tranken ein paar Gläser und frotzelten den jeweils anderen ob seiner politischen Einstellung. Das war in Ordnung, weil er ja recht anständig ist. Und ich ja sowieso.

Jedenfalls habe ich im Laufe des Gesprächs gesagt, daß ich sein „Linkssein“ nicht nachvollziehen könne. Es führe doch völlig an der Realität vorbei, die Welt nur vom Individuum her und in Modellen zu betrachten. Und das täten sie doch, die Linken. Er hielt erwartungsgemäß dagegen. So kamen wir zu grundsätzlichen Fragen, wie etwa die Relevanz ethnischer Unterschiede, das Funktionieren multikulturellen Zusammenlebens. Er sagte, das könne durch Bildung und Erziehung alles gelöst werden. Die USA seien ein gutes Beispiel, auch wenn manche ethnischen Konflikte dort erst in einigen Jahrzehnten gelöst würden.

Die Affen haben Mogli doch auch integriert

Meiner These von der Relevanz ethnischer Unterschiede entgegnete er: „Wieso? Mensch ist Mensch!“ Als ich davon sprach, daß eine andere Ethnie nur dann integriert werden könne, wenn die Zahl ihrer Mitglieder einen kritischen Wert nicht übersteige, sagte er: „Wieso? Sogar die Affen haben es geschafft, Mogli zu integrieren.“ Sein Argument: Als das Dschungelkind gefunden wurde, sei es mehr Tier als Mensch gewesen. Als ich entgegnete, daß die Affen einen zweiten, dritten oder zehnten Mogli wahrscheinlich erschlagen hätten, war er empört. So diskutierten wir munter hin und her. Am Ende hatte ich aber doch den Eindruck, daß er mir entweder bedingt zustimmte oder keine Gegenargumente mehr finden konnte.

Also widersprach er nicht weiter, sondern kam mit etwas ganz Besonderem: „Und was wären dann Deine Schlußfolgerungen?“ Mit dieser Frage ging mir ein Licht auf. Er dachte natürlich an Apartheid, Sozialdarwinismus und die zwölf Jahre. Und weil er so etwas nicht will, genehmigt er sich keinen Gedanken, keinen Begriff, keinen Grundsatz, der diese Schlußfolgerungen vermeintlich folgerichtig erscheinen ließe. Er denkt die Welt vom Ideal her und richtet seine gedanklichen Grundlagen danach aus. Was nicht sein darf, das kann dann auch nicht sein – jedenfalls in dieser Logik, die ja wenigstens das Gute will. „Das Gute“ soll heißen: Das, was er für gut hält.

Ich verstehe also (wieder), wie man „links“ sein kann. Er ist – wie gesagt – anständig, gewissenhaft, macht in seinem Beruf eine ansehnliche Figur. Deshalb nehme ich an, daß er auch ein ordentlicher Schüler war – allerdings habe ich ihn das nicht gefragt. Und als guter Schüler hat er der Lehre wahrscheinlich vertraut und die ideologisch-moralisch gleichmachende Erziehung dankbar aufgesogen. Er hat so oft „Mensch ist Mensch“ gehört, daß er den Satz jetzt als sich selbst beweisenden Grundsatz akzeptiert und verteidigt. Wie kann man jemandem begegnen, der Gutes will und Schlechtes schafft?

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