Joachim Kuhs

 

Schäubles Mittag

Meine Liste schätzenswerter Politiker ist kurz. Wolfgang Schäuble stand trotz allem darauf, bis er vor einem Jahr den Rettungspaket-Wahnsinn mitbeschloß. 1990 war er der Feinarchitekt der Wiedervereinigung. Inzwischen ist er ein Überforderter, Geschlagener und Gescheiterter. Er hat gute Aussichten, als ein Totengräber des deutschen Wohlstands und der Währungsstabilität in die Geschichtsbücher einzugehen. In der Europa-Politik kann er dennoch keinen Gewinn verbuchen. Die Griechen protestieren mit Hakenkreuz-Plakaten gegen die angebliche deutsche Arroganz.

Sein körperlicher Zusammenbruch im Mai 2010, unmittelbar vor der entscheidenden EU-Sitzung in Brüssel, ist ein Hinweis darauf, daß er ganz genau weiß, was er tut. Warum exekutiert er mit allen Mitteln, was zu keinem guten Ende führen kann? Es sind dieselben Gründe, die 1989 das irrationale Verhalten der erstarrten SED-Führung bestimmten: Der Wille zum Machterhalt mischt sich mit einem: „Es kann doch nicht alles, was ich getan und wofür ich gelebt habe, falsch und  umsonst gewesen sein!“, und dem Bemühen, die Katastrophe so lange wie möglich aufzuschieben und der Frage nach der Verantwortung zu entgehen.

Unübersehbare Parallelen

Wolfgang Schäuble gleicht heute dem für Wirtschaftsfragen zuständigen SED-Politbüromitglied Günter Mittag (1926–1994), dem nach Erich Honecker und Erich Mielke meistgehaßten Mann der DDR-Führung. Sein Name stand für Mangelwirtschaft, für marode Städte, verdreckte Luft, verschlissene Industrieanlagen und schließlich für den faktischen Staatsbankrott.

Dabei war Mittag nicht unintelligent. In den 1960er Jahren gehörte er zu den jüngeren Parteifunktionären um den früheren „Wunderwaffen“-Ingenieur Erich Apel, die in der DDR ein Neues Ökonomisches System (NÖS) einführen wollten, das die Planwirtschaft durch ökonomische Regulative ergänzte. Die Reform scheiterte an innerparteilichen Intrigen, vor allem aber am Machtwort der Sowjetunion, die die DDR 1965 durch einen Handelsvertrag zwang, ihre international konkurrenzfähigen Industriegüter zu Billigpreisen an sie abzugeben.

Apel beging Selbstmord, sein Freund Mittag, der bei der Todesnachricht in Tränen ausbrach, wurde später zum gnadenlosen Liquidator des Reformversuchs. Die Konsequenzen seiner Politik müssen ihm klar gewesen sein. In einer Fernsehdokumentation berichtete seine sympathische und eloquente Tochter, ihr Vater hätte im Sommer 1989, als er den kranken Erich Honecker vertrat, im Familienkreis resigniert geäußert, daß es die DDR in einem Jahr vielleicht schon nicht mehr geben würde. Er und die anderen Führungsleute hätten sich überfordert gefühlt.

Die Schlußbilanz entscheidet

Befragt wurde auch Wolfgang Schäuble, der 1987 während des Bonn-Besuchs Erich Honeckers mit Mittag verhandelt hatte. Er gab sich generös, erzählte, wie tapfer der SED-Mann seine Behinderung meisterte (wegen seiner Diabetes waren Mittag beide Unterschenkel amputiert worden), und hob seine Sachkunde hervor. Nur seien da eben die ideologischen Barrieren gewesen … Unter den Siegern der Geschichte zählte Schäuble zweifellos zu den Großzügigen.

Aus und vorbei. Längst ist der „Besserwessi“ aus dem Sprachgebrauch verschwunden, weil entzaubert. Der fehlkonstruierte Euro wirkt vergleichbar verheerend wie der deutsch-sowjetische Handelsvertrag von 1965. Zeitversetzt haben die DDR und die Bundesrepublik einen ganz ähnlichen Politikertyp hervorgebracht. Wird sich auch ihre Schlußbilanz ähneln? Die Möglichkeit besteht!

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