Joachim Kuhs

 

Rettet den Advent!

Als ich diese Woche zusammen mit anderen Eltern zum Nachmittagskaffee in den Kindergarten eingeladen wurde, war ich positiv überrascht: Der Gruppenraum war liebevoll dekoriert, die Kinder hatten Kuchen gebacken und Lieder vorbereitet.

Doch es handelte sich nicht um Advents- oder Winterdekoration und erst recht nicht um Weihnachtsschmuck, wie er schon seit Wochen in den Geschäften hängt. Nein, in unserem evangelischen Kindergarten wurde wenige Tage vor dem ersten Advent tatsächlich noch der Herbst gefeiert: Es wurden Herbstlieder gesungen und eben noch kein Weihnachtsgebäck aufgetischt – so wie es sich gehört.

Auf die Frage einer Mutter erklärte die Kindergärtnerin, daß es eben noch nicht Weihnachtszeit sei und auch noch nicht Advent. „Was bringt es, wenn wir jedes Jahr die Vorbereitung und damit die Vorfreude aufs Weihnachten früher anfangen? Damit verpufft doch der Zauber spätestens am ersten Weihnachtstag – dann, wenn wirklich Weihnachten ist!“

Es sei nur noch von der „Vorweihnachtszeit“ die Rede

Auch die Kirchen beklagen, daß der Advent immer mehr verschwindet und mittlerweile nur noch von der „Vorweihnachtszeit“ die Rede ist, die teilweise bereits Anfang November beginnt. Weihnachtssüßigkeiten gibt es in den Läden ja sogar schon ab September. Doch die Kirchen sind selbst nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung: Manche Gemeinden veranstalten nämlich bereits am Volkstrauertag oder Totensonntag „Weihnachtskonzerte“ oder auch „Weihnachtsmärkte“ an den Adventssonntagen.

Wegen solcher Begriffsverwirrung wurde dieses Jahr vom ökumenischen Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin eine Initiative gegründet: „Rettet den Advent – Weihnachten beginnt am 25.12!“.

„Wir wollen mit dieser kleinen Aktion zur Rettung des Advents als Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten beitragen. Eine stille Zeit der Besinnung, die hinführt zum großen Fest der Geburt Jesu.“ Neben einer Facebook-Aktion im Internet will das Kloster auch Aufkleber produzieren, um diese dann an verschiedene Gemeinden zu verteilen.

Man gibt selbst zu leicht nach

Daß eine solche Aktion zwar nicht viel verändern kann, ist klar. Diejenigen, die mit Weihnachten sowieso nichts anderes als Geschenke verbinden, werden auch durch ein paar Aufkleber nicht bekehrt. Für sie hat der Advent auch keine Bedeutung – warum sollte er also „gerettet“ werden?

Vielleicht regt die Aktion den ein oder anderen aber doch zum Nachdenken an. Schließlich gibt man selbst nur zu leicht nach – vor allem wenn man kleine ungeduldige Kinder hat – und backt schon vor Beginn der Adventszeit ein paar Plätzchen oder singt ein Weihnachtslied. Und ganz unbewußt trägt man damit dazu bei, Weihnachten von seinem eigentlichen Datum und damit auch von seiner wirklichen Bedeutung zu lösen.

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