Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Godzilla und das japanische Erdbeben

Vor 250 Jahren löste das furchtbare Erdbeben in Lissabon (1755) auch eine geistige Katastrophe aus. Die Aufklärer jener Zeit erkannten: Diese Welt kann nicht nach Regeln ewiger Weisheit regiert sein. Voltaire protestierte gegen die „Unvernunft“ der Natur. Von Leibniz‘ „Theodizee“ (1710), der Verteidigung einer göttliche Weltordnung, blieb nur noch totes Gedankenspiel.

Vielleicht ist dies ein Grund, warum Naturkatastrophen in Regionen der „Hochkultur“ kaum Platz finden? Zumal sie samt Informationsmedien sich gänzlich auf gesellschaftlich-psychologische Deutung der Welt zurückgezogen haben: Was soll man da schon zu Naturkatastrophen sagen? So kam es, daß ein Erderschütterung, die 1905 ganz San Francisco in Schutt und Asche legte, nur in Hollywood ernsthafte Aufarbeitung fand, als populäres Katastrophen-Melodram („San Franciso“, 1936).

Kultur kann seelisches Trauma lindern

Vergangene Woche wurde Japan von einem Erdbeben erschüttert, Tsunami und Überflutung folgten, in Atomkraftwerken droht die Kernschmelze. Auch wenn die materielle Katastrophe irgendwann überwunden sein dürfte – das seelische Trauma, die Trauer um Verstorbene, die Angst vor neuem Unglück wird die Bevölkerung noch lange quälen. Hier hat die Kultur, also Film und Literatur, künftig Hilfestellung zu leisten.

Und da fällt auf: Obwohl Japan im Schnittpunkt sich reibender Kontinentalplatten liegt, also leider „erdbebenerfahren“ ist, obwohl es seit 20 Jahren weiß, daß der nächste Großknall bevorstand, hat die Kunst diesen Schrecken kaum behandelt. Für die Filmwelt heißt das: Kein Film von Kurosawa, Oshima oder Ozu zu diesem Thema. Nur Psychologie und Gesellschaftskritik. Die religösen Bilder des Shintoismus, der Sturmgott ?Susano-Wo beispielsweise, finden fast nur noch in Mangas oder als Spielzeugfiguren ihre Fortführung.

Gleiches gilt für die Wels-Legende, die nach dem schrecklichen Erdbeben im Jahre 1855 in zahlreiche Bildern Verbreitung fand: Danach wühlt ein mächtiger Wels am Grunde des Meeres, meist aber von der Shinto-Gottheit ?Kashima Daimy?jin in Schach gehalten. Nur wenn der zur Versammlung der Götter reisen, sein Wächteramt also verlassen muß, bekommt der Riesenwels seine Chance…. Das alles sind Bilder der Vergangenheit.

Zeitgemäße japanische Symboldarstellung aus dem Populärfilm

Dennoch verfügt Japan auch über zeitgemäße Symboldarstellung, über Bilder, auf die künftige kulturelle Verarbeitung aufbauen kann. Sie stammen natürlich aus dem Populärfilm. Genauer, aus den weltweit populären „Gorija“ (Godzilla)-Streifen, mit denen Inoshiro Honda Mitte der Fünfziger auf die Hiroshima-Katastrophe reagierte: Die Atombombe sprengte einen prähistorischen Saurier (Tyrannosaurus mit Drachenattributen) frei.

Dieses Monster zertrampelt Städte und Menschen, das Speien eines radioaktiven Feuerstrahls läßt modernste Geschütze schmelzen. Schon die Bilder des ersten Godzilla-Films (1955) sind den aktuellen Erdbebenfotos zum Verwechseln ähnlich: Trümmer, atomare Verseuchung, Tote, verzweifelt betende Überlebende. Im Laufe der Godzilla-Serie, bis heute florierend, entstiegen immer neue Monster dem Erdboden, auch ohne menschliches Zutun. Symbolische Naturkräfte, im ständigen Kampf miteinander.

Roland Emmerichs Versuch, „Godzilla“ (1998) zu amerikanisieren, statt Tokio mal den Big Apple zertrampeln zu lassen, schlug fehl. Das Ungeheuer ist längst Bestandteil japanischer Geschichte (oder populärer Naturgeschichtsschreibung) geworden. Die Symbolkraft des Urgiganten für die aktuelle Katastrophe ist derat evident, daß ein facebook-Nutzer dessen Foto auf die Pinnwand lud. Sein Kommentar: ?„Jetzt könnte es Wirklichkeit werden! Poor Japan.“

Populärkultur läßt Platz für Elementares

Warum aber ist (fast) nur Populär-, B- und Trash-Kultur noch zu solcher Symbolbildung fähig? Man denke im Westen nur an „Star Wars“, „Matrix“ oder jüngst „2012“, dessen Katastrophenszenarien die Regie mit Klimakollaps und mythischen Motiven (Maya-Kalender, Arche Noah) assoziierte. Weil Populärkultur bestimmte, aus geistigem Reduktionismus geborene, Berührungsängste nicht teilt, neben „harten Fakten“ auch Platz für Schicksal, Elementares, Unsagbares läßt.

Durch das Wissen um den niedrigen Status der Werke haben deren Macher keine Furcht vor dem Elektrozaun von Kritik und Geschmack. Vor allem, wenn ein B-Film über niedriges Budget verfügt: Das zwingt zum Ausgefallenen, Improvisierten, provoziert organisatorisches wie inhaltliches Querdenkertum. Je billiger, desto waghalsiger, desto grenzüberschreitender. So ließen US-B-Filmer in „Billy the Kid vs. Dracula“ (1966) Vampire und Westernhelden aufeinander los. Kein Kunst-Filmer käme auf solche Konfrontation, aber sie öffnet schräge Einsichten, ermöglicht den Tanz auf allen erkenntnistheoretischen und existentiellen Brüchen der Gegenwart.

Die Katastrophe denken ohne Apokalyptiker zu werden, lebendig sein ohne in naiven Optimismus zu verfallen, Pessimismus zulassen, ohne zu verzweifeln, Satyrspiele der Vernunft aufzuführen, ohne Irrationalist zu werden, antike Götter in hochtechnisierte Metropolen zu schicken – nur so gelingt die selbstironische Synthese unzähliger Realitätsscherben und -fragmente. Jörg Buttgereits Postulat von der „Erlösung im Trash“ mag übertrieben sein, dennoch ist er notwendiges Korrelat zur metaphysischen Askese aktueller „Hochkultur“. Godzilla hat in den nächsten Jahren viel zu tun.

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