Die Sehnsucht nach Immateriellem

Letzte Woche verkündete Apple-Guru Steve Jobs das Ende der PC-Ära. Dabei hatte man gerade erst begonnen, den PC als Zentrum moderner Lebensgestaltung zu akzeptieren. Und was folgt jetzt? Laut Apple werde der aktuelle „Clouds“ (Wolken)-Trend sich durchsetzen: „?Manche Leute glauben, dass die Cloud nur eine Festplatte in den Wolken ist. Wir denken, dass es viel mehr ist.”

Wenn man Daten künftig auf Netzservern statt auf heimischen Festplatten speichert, dann sind sie via i-Pad, i-Phone, ?iPod touch und so weiter abrufbar, ganz egal, wo der Benutzer sich befindet. Ein Maximum an Mobilität. So verlassen Datenabruf, Bearbeitung und Kommunikation endgültig ihre räumliche Beschränkung. Unnötig zu erläutern, daß man diese Möglichkeit bald zum „Muß” erheben wird, daß der Mensch sich damit einen non-stop-Bereitschaftszwang auferlegt.

Um aber das Neue und die potentielle Tragweite der „iClouds” zu begreifen, muß man den Start der extremen Mobilitäts-Ära mit dem Beginn einer anderen Epoche vergleichen, einer der frühesten. Zufällig publizierte, ebenfalls vergangene Woche, die englische Ausgabe des National Geographic einen Bericht über das älteste Dokument organisierter Religiosität: Den ?Göbekli Tepe, ein 11.500 Jahre altes  Bergheiligtum im heutigen Anatolien.

Ein unwirklicher, „rein geistiger” Ort, nichts deutet auf profanes Leben in dieser zentralen Wirkungsstätte neolithischer Schamanenkultur. Bislang glaubte man, erst der Übergang des Menschen vom Jäger- und Sammler zum Ackerbauern habe organisierte Religiosität hervorgebracht. Jetzt aber, nach jahrelanger Forschung am ?Göbekli Tepe, meint Klaus Schmidt vom Deutschen Archäologischen Institut, daß es wohl umgekehrt lief.

Menschen wurden seßhaft, um sich in der Nähe des Tempels aufzuhalten. „Vor 20 Jahren glaubte jeder, die Zivilisation würde durch ökonomische Kräfte angetrieben. Ich denke, was wir jetzt lernen ist, daß Zivilisation ein Produkt des menschlichen Geistes ist.”

Wenn das zutrifft, und der Geist in immer gleichen Strukturen denkt, dann lassen die sich gleichermaßen aus Schamenentempeln wie aus „iClouds“-Visionen herauslesen. Zeigt sich dabei ein zeitüberspannendes Bild vom Menschen und seinen Sehnsüchten. Vergleicht man nun Schamanismus mit digitalem Netzwerk, fallen folgende Gemeinsamkeiten auf:

Immaterielle Kommunikation

Neben dem Wunsch nach Kommunikation und Arbeit im körperlich-materiellen Bereich, verlangt es den Menschen nach einer immateriellen Ebene, sei sie spirituell oder virtuell. Darin sind Vision und Digitalwelt gleich: Wem man dort begegnet, Menschen und Bilder – sie sind körperlos. Auch man selbst hinterläßt bloß immaterielle Spuren. Daraus folgt, daß der Mensch seinen Körper als  beengend erlebt, ihn phasenweise überwinden, verlassen will.

Identitätswechsel

Um in immaterielle Sphären zu gelangen, muß der Schamane eine andere Identität annehmen, sich Maske und Kleidung eines Tieres oder mythischer Gestalten überziehen. Und wer die Foren virtueller Kommunikation betritt, gibt sich einen Benutzernamen, stellt (oft) ein „falsches” oder assoziatives Bildnis von sich aus. In beiden Fällen verlangt die Kommunikation in immaterieller Sphäre eine neue Identität.

Zauberformel

Dem Schamanen öffnen sich die Pforten spiritueller Sphären nur beim korrekten Aufsagen einer Zauberformel. Immatierielle Foren können meist nur nach korrekter Eingabe des Passworts betreten werden.

Wissen und Information

So wie der Schamane mit immateriellen Sphären kommuniziert, um Wissen, guten Rat, Erfahrung durch Bilder zu erlangen, sucht der heutige Internetsurfer nach Information, Wissen und Anregung. Wer sich informieren will, sucht dort inzwischen zuerst, in zahlreichen Fragen der Lebensgestaltung.

Reisen

Zur immateriellen Kommunikation gehört auch die nicht-körperliche Reise, im Schamanismus als Seelenreise bezeichnet. Die Psyche eilt durch immaterielle Räumlichkeiten und Visionen, manchmal unterstrützt durch biochemische Stoffe. Aus diesem Grunde haben LSD-Konsumenten ähnliche Visionen wie Teilnehmer schamanischer Seelenreisen. Aber körperloses Reisen, assoziativ gelenkt, ermöglicht auch die virtuelle Welt, wo man es salop „surfen” nennt.

Kurzum, mögen schamanistische Erfahrungen auch intensiver sein, die strukturelle Ähnlichkeit zum Virtuellen ist jedoch deutlich. Dem Menschen ist die physisch-materielle Welt nicht ausreichend, er bedarf der immateriellen Ergänzung. Erst dann empfindet er seine Existenz als „ganzheitlich”, als sinnerfüllt. Im Brückenbau zur immateriellen Sphäre liegt vielleicht die wahre Heilkraft des Schamanismus.

Wie gesagt, diese Sehnsucht ist über die Jahrtausende die gleiche, so daß man sagen darf: Das Internet ist ebenso Schamanismus wie Schamamanismus umgekehrt ein Umgang mit virtuellen Welten ist. Cyberpunk-Autor William Gibson hat in seiner „Neuromancer”-Trilogie diese Parallele bereits erkannt: Bei ihm erobern schamanistische Geistwesen die virtuelle Cyberwelt.

Fände ein zukünftiger Archäologe einmal die materiellen Überreste unserer PC- und iClouds-Kultur, wird er dem genauso ratlos gegenüberstehen wie heutige Forscher beim Göbekli Tepe. Weil das zum Verständnis Entscheidende in beiden Fällen immateriell ist.

Auf Grundlage dieser Erkenntnis läßt sich die Bedeutung der Apple-Revolution, der Vision restloser Mobilität neu erfassen.  Bislang waren schamanistische und virtuelle Kommunikation an einen festen Ort gebunden: An die Stätte des Rituals oder des PCs. So blieb die virtuelle oder spirituelle Reise begrenzt, ein Ausnahmeszustand. Erfährt der Zugang zur virtuellen Welt jedoch restlose Mobilisierung, kann  – und wird – er diese Kommunikation zum Dauerzustand machen.

Das wäre ähnlich einem Schamanen in Dauer-Trance oder einem LSD-Konsumenten auf Endlos-Trip. Beider Reisen haben eine Endstation: Die (keineswegs virtuelle) Psychiatrie. Aber keine Angst: Da Internetkommunikation wesentlich geringere Intensität besitzt, wird der Psychoverschleiß langsamer und subtiler verlaufen.

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