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Die Krise ist vorbei! Es lebe die Krise!

Zu den symptomatischsten Phänomenen der Gegenwartskultur gehört, daß sich eine ganze Gesellschaft um die Dimension einer Krise betrügt, deren Auswirkungen der wachere Teil zwar wahrnimmt, deren intellektuelles Zentrum aber doch unerkannt bleibt. Hoppla, wir leben! Man hat uns erzählt, es könnte diesmal dicke kommen, aber eigentlich ist doch gar nichts geschehen! Gar nichts?

Die Gesellschaft, falls ein solches Subjekt überhaupt handeln kann, ahnt gewissermaßen Blut spuckend, daß sie Krebs hat, möchte aber genau deswegen lieber nicht zum Arzt, und die Politik soll sie statt dessen ein bißchen gesundbeten. Außerdem: So viel Aufschwung war nie! – Daß aus der Bankenkrise zunächst die Finanzkrise, dann die Wirtschaftskrise, schließlich die Euro-Krise wurde, das wirft einen ja noch nicht aus den eigenen vier Wänden! War was?

Fragen dazu werden nicht mehr im Parlament und seinen Ausschüssen gestellt, sondern nur noch unbemerkt und randständig auf Wissenschaftsforen, also weit entfernt von Bild und Privatfernsehen. Letzten Mittwoch lud in Bielefeld der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger, Reinhard Selten, Wissenschaftler und Banker ans Zentrum für interdisziplinäre Forschung ein, um noch mal Ursachen des größten Finanzunfalls zu ergründen.

Der Staat soll den irrationalen Finanzmarkt bändigen

Der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, war dabei, einer, der heute gegenüber den jungen „masters of universe“ beinahe liebenswert antiquiert wirkt und den starken Staat als die Instanz herausstrich, der die Abhängigkeit des Finanzmarkts von irrationalen Bedingungen auszugleichen vermag.

Die schwerste dieser nicht zu garantierenden Bedingungen, das allgemeine Vertrauen nämlich, ist vom Markt selbst nicht garantierbar. Dieses blinde Vertrauen aber in die permanente Liquidität aller Marktteilnehmer ist das virtuelle Parkett, auf dem der rasende Handel mit Finanzprodukten erfolgt. Im Krisenfall ist es aber nach Auffassung des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der HSH Nordbank Kopper keinen Cent mehr wert. Als er gefragt wurde, ob die Möglichkeit bestünde, aus der Krise rational handhabbare Konsequenzen zu ziehen, sagte er klar: Nein! Dazu zirkuliere zuviel Geld, das in Lichtgeschwindigkeit zwischen zu wenigen Anlegern bewegt werde: „Ich bin frustriert. Ich weiß nicht, wie das ein Staat regeln soll. Die nächste Krise wird wieder aus dem Überfluß geboren.“

Eine Wirtschaft, dessen Wesen darin bestünde, mit Wechseln auf die Zukunft zu wetten, so der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Wolfgang Streeck, müsse unweigerlich immer wieder an den Punkt gelangen, an dem viel zu viele Wechsel kursierten, als daß sie jemals eingelöst werden könnten. Behäbige staatliche Regelungen würden von smarten Zocker-Teams flink umgangen.

Die ganze Branche steht auf dünnem Eis

Die ganze Branche ist auf dünnem Eis unterwegs, aber sie trägt dabei eben nicht allein das brüchige Eigenvermögen, sondern die ganze Welt. Rational geht sie gerade nicht vor, denn ihr Kapital sind reinweg Fiktionen, die wiederum fiktives Geld verdienen lassen. – Daß die Risiken dabei überhaupt nicht meßbar seien, darauf wies der Direktor des Bonner MPIs zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Martin Hellwig, hin, und der Berliner Finanzmathematiker Hans Föllmer pflichte ihm als Stochastiker bei. Banker Kopper bringt es auf den Punkt: „Jede Zusage auf fünf Jahre ist ein Kasino-Geschäft.“

Gut, das mag bekannt sein oder längst geahnt werden. Gefährlich aber, daß über die Risiken des Fiktionalen hinaus schon gleich gar nicht mehr das Unvorstellbare kalkuliert wird, der schwarze Schwan Poppers, also so etwas wie der 11. September oder eben die letzte amerikanische Immobilienblase.

Was bleibt? Zum einen das Erstaunen darüber, daß versammelter Sachverstand alles weiß, was das Publikum des Landes aber überhaupt nicht interessiert und die Politik nicht zu beherzigen vermag. Zum anderen die brüchige Scheinsicherheit, die für uns das Lobbyistenparlament verwaltet, und letztlich der trügerisch schöne philiströse Traum vom „Wohlstand des kleines Mannes“ im Kernschatten der Banken. Vielleicht sorgt der nächste Crash endlich für politische Bewegung im faulen wirtschaftspolitischen Frieden. Krise als Chance.

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