Der wahnsinnige Sklave – Teil II

Was heißt eigentlich überwinden? Überwinden heißt, jemanden besiegen und sich frei von ihm machen. Der Sklave, der seine Ketten sprengt und dem Herrn den Gehorsam verweigert; das Volk, das einen Tyrannen stürzt und seine Gesetze aufhebt: Sie alle haben ein drückendes Joch abgeschüttelt und entfalten nun ihren freien Willen. Wurde dem Sklaven die Arbeit, dem Volk die Gesetze befohlen, so ist es nun der Freie, der unter seinem eigenen Gesetz lebt und arbeitet.

Man stelle sich nun aber einen Sklaven vor, der – man weiß nicht wie – seine Ketten verloren hat. Verunsichert durch die neue Leichtigkeit seiner Glieder taumelt er umher. Haltsuchend klammert er sich an seinen Erinnerungen fest. Was war der letzte Befehl seines Herrn? „Werdet frei!“ rief dieser ihnen zu, bevor er verschwand. Ein seltsamer Befehl, so etwas hatte der Sklave noch nie gehört. Er kannte bisher nur Befehle wie: „Pflüge den Acker!“ und dergleichen mehr.

Der Sklave hockt sich auf den Boden und sinnt nach. Voller Furcht ist er, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Was ist, wenn er etwas Falsches denkt? Gibt es denn niemanden, der ihm sagen kann, was richtig ist? Ängstlich hangelt er sich von Gedanken zu Gedanken. Frei zu werden, hat ihm der Herr befohlen. Doch was ist das, frei zu sein? Der Sklave grübelt. Doch wohl das Gegenteil von gehorchen. Und Gehorsam, das kennt der Sklave. Gehorsam ist, wenn er Befehle ausführt.

Ein Gedanken durchzuckt den Sklaven und freudig erregt ruft er die anderen Sklaven herbei: „Der Herr hat uns befohlen, frei zu sein.“ Triumphierend blickt er in die verständnislosen Gesichter: „Was, Ihr wißt nicht, was es heißt, frei zu sein? Ich sage es Euch: Frei zu sein, heißt das Gegenteil von dem zu tun, was Euch einst befohlen wurde. Einst hieß es: Bestellt den Acker! Führt die Rinder auf die Weide! Nun befehle ich Euch, daß ihr Salz auf den Acker werft und die Rinder in die Wüste führt.“

Immer drückender wurde die Last der Freiheit

Empörung und heftige Worte wollten sich regen, doch vor dem herrischen Blick des Sklaven senkten alle das Haupt. Und so geschah es. Die Felder wurden versalzen, und die Herden gingen in der Einöde zugrunde. Doch der Sklave wollte noch viel freier werden. Er legte ein Buch an, worin er alle Befehle des Herrn notierte, so er sich noch an sie erinnerte. Und hatte dieser einst bei glühender Hitze befohlen zu rasten, so mußten die anderen Sklaven nun solange weiterarbeiten, bis sie auf den Feldern tot zusammenbrachen.

Die Zeit ging ins Land. Immer drückender wurde die Last der Freiheit. In Scharen flohen die anderen, sodaß der Sklave sie mit eisernen Halsringen gekettet zur Arbeit schicken mußte. Doch irgendwann blieben auch die Wächter weg. Einsam und dem Wahnsinn verfallen blieb der Sklave zurück. „Ich weiß nicht mehr, ob mir der Herr jemals befohlen hat zu essen und zu trinken. Aber ich bin mir sicher, er hätte es getan“, murmelte der Sklave und nahm keine Nahrung mehr zu sich.

Als der Sklave gänzlich umnachtete, da erschien ihm der Herr im Traum. „O Herr, meine Freude Dich zu sehen ist übergroß. Siehe, all die anderen sind fortgelaufen. Nur ich bin hier geblieben und habe getreulich Deinen Befehl ausgeführt. Ich habe alles getan, so wie du es wolltest. Ich bin so frei von Dir geworden, wie es einem Menschen nur irgendwie möglich ist. Ich habe Dich überwunden“, schrie der Sklave mit letzter Kraft. Und das letzte, was der brechende Blick sah, das Ohr hörte, war sein Herr, der in schallendes Gelächter ausbrach.

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