„Advokat der Kinder“

„Advokat der Kinder“ – so nannte mal das Nachrichtenmagazin Focus den Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann. Und das war er auch: Stets hat sich der Buchautor und Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover  in die politische Diskussion eingebracht. Immer wieder mahnte er, die heutige Familienpolitik klammere einen wichtigen Faktor vollkommen aus – die Kinder. 

Nun ist der „Advokat“ tot. Vor etwa einer Woche, am 18. Mai 2011, verstarb Wolfgang Bergmann im Alter von 62 Jahren an Knochenkrebs. Mit ihm ist nicht nur ein mutiger Fürsprecher der Kinder von der Bühne getreten, sondern auch einer der wenigen, die tatsächlich noch das Wohl der Kinder über das Diktat der politischen Korrektheit stellen. 

Denn oftmals geht es in der familienpolitischen Diskussion nicht um Kinder, sondern um die Gleichberechtigung der Frau. Wer zu behaupten wagt, daß Kinder unter der Selbstverwirklichung ihrer Mütter sogar leiden könnten, ist politisch gesehen nicht nur „altbacken“, sondern auch „untragbar“ – in jeder etablierten Partei. 

Wissen Sie eigentlich, wie es morgens in einer Krippe zugeht? 

Daß auch die Presse letztlich nichts anderes schreibt, als die öffentliche Meinung von ihr erwartet, hat Bergmann immer wieder betont. Und diese will nun mal im Namen der sogenannten Gleichberechtigung, daß positiv über die Fremdbetreuung von Kindern und die Berufstätigkeit der Mütter geschrieben wird. Dabei hätten, so Bergmann, die wenigsten Journalisten auch nur eine einzige Seite über Bindungsforschung gelesen.

In einem Interview mit der JUNGEN FREIHEIT (JF 23/08) formulierte es Bergmann so: „Die meisten Journalisten wissen nichts. Sie schließen sich an die politisch korrekte ‘Mehrheitsmeinung’ an, treten noch ein bißchen nach und freuen sich, wenn der Chef sagt: ‘Gut gemacht!’“ 

In dem Gespräch mit der JF fragte Bergmann, ob diese Menschen überhaupt wüßten, wie es morgens in einer Kinderkrippe zugehe. „Von wegen, daß dort glückliche, selbstverwirklichte Frauen lachende Kinder an ihre individuellen Erzieherinnen übergeben und dann entspannt ihrer Karriere nachgehen. Tatsächlich weinen die Kinder, und die Frauen haben feuchte Augen, während die Erzieherinnen selbst beim besten Willen mit fünf, sechs Kindern pro Kraft überlastet sind. Die Mütter trennen sich beklommen, meist nicht um Karriere zu machen, sondern um hinter der Kasse, Theke oder Büroschreibmaschine zu malochen.“ 

„Es schlägt einem wirklich der blanke Haß entgegen“ 

Für solch klare Sprache und Abrechnung mit der deutschen Familienpolitik wurde Bergmann immer wieder auch angegriffen – und das nicht gerade zimperlich: „Es schlägt einem wirklich der blanke Haß entgegen“, sagte Bergmann. Wie mit denjenigen umgegangen wird, die die Emanzipation und Kinderkrippen in Frage stellen, habe man ja an dem Beispiel von Eva Herman gesehen. 

Vermutlich stecke dahinter eine tiefe Angst vor einer angeblichen Rückkehr zur Unterdrückung der Frau. Bei vielen komme auch schlicht der autoritäre Charakter zum Vorschein, der typisch für totalitäre Systeme sei. „Denn es ist auffällig, daß alle totalitären Systeme ihre Hand gerne nach den Kindern ausstrecken und darauf achten, daß diese möglichst früh von der Familie getrennt werden. Wir wissen aus der Bindungsforschung, daß eine frühe Trennung dazu führt, daß Kinder unsicher werden und demzufolge später eine besondere emotionale Unselbständigkeit und Anlehnungsbedürftigkeit entwickeln, die sich diese Systeme zunutze machten. Zu Demokratien dagegen paßt das nicht, denn für ihre freiheitliche Ordnung stellt eine solche Mentalität ein Gefahrenpotential dar.“ 

Eine ursprüngliche Freude am Dasein des Kindes haben 

Die Frage, wie freiheitlich die deutsche Demokratie wirklich ist, oder wie sehr sie einer Meinungsdiktatur gleichkommt, stellt sich auch in der Familienpolitik immer wieder. Denn von all ihren anderen undemokratischen Zügen abgesehen, will der Staat natürlich auch die Kinder prägen und formen: Sie sollen von klein auf Leistung bringen, Erfolg haben, reibungslos funktionieren und in jeder Hinsicht perfekt sein. Gleichzeitig sollen sie auch noch die narzißtischen Idealbilder ihrer Eltern erfüllen. 

Wolfgang Bergmann jedenfalls sah eine solche Entwicklung als höchst gefährlich an. Deshalb ermutigte er Eltern immer wieder, ihre Kinder bedingungslos zu lieben und mit ihren Leistungen zufriedensein. „Sie sollen beglückt sein, daß das Kind da ist, daß sein linker Nasenflügel größer ist als der rechte. Sie sollen eine ursprüngliche Freude am Dasein dieses Kindes haben“, brachte es Bergmann in einem seiner letzten Interviews mit Welt Online auf den Punkt.

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