Walter Kempowski – der Entlarver

Nach den Nationalfeiertagen von DDR und BRD endet meine Serie der Walter-Kempowski-Zitate, wobei ihm hiermit noch einmal eine gesonderte Kolumne gewidmet sei. Mehr als alle anderen seiner Bücher faszinierten mich bislang die Tagebücher, weil sie mir in bezug auf die Linke aus der Seele sprechen.

In ihnen liest man die von Kempowski immer wieder erhobenen Klagen, daß die Linke zwar gern die angebliche Grausamkeit des Kapitalismus im Westen anprangerte, beim tatsächlichen alltäglichen Terror und der Unterdrückung in der DDR hingegen schwieg. Dies darf niemals vergessen werden, denn es zeigt besonders eindrucksvoll, daß die Geschichte der Linken zumindest in der Nachkriegszeit eine Geschichte des Totalitarismus und des politischen Flirts mit mörderischen Unrechtsregimen war. Dieser Wesenszug hält bis heute unvermindert an.

Ein solches Verhalten ist nicht einfach mit den Schnittmengen aufgrund der gemeinsamen sozialistischen Position von SED-Regime und 68ern zu erklären. Es zeigt vielmehr, daß ethische und moralische Verkommenheit mit großem Abstand stärker bei der Linken beheimatet sind. Eine linke Meinungs-Camarilla, die wie jüngst im Fall Sarrazin Andersdenkende mit brutalsten Mitteln verleumdet und ausgrenzt und trotzdem ununterbrochen Toleranz heuchelt, ist deswegen kein Wunder.

Die Geschichte einfach so darstellen, wie sie in Wahrheit gewesen ist

Zu einem großen Teil dürfte die Beliebtheit Kempowskis (zumindest bei der „schweigenden Mehrheit“, wie Kempowski in seinen Tagebüchern oft andeutungsvoll formulierte) darauf zurückzuführen sein, daß der ehemalige Lehrer Kempowski eben kein Geschichts-Ober-Lehrer sein wollte, er bevormundete den Leser nicht ideologisch mit dem volkspädagogischen Zeigefinger in seiner Meinung. Er wollte die Geschichte einfach so darstellen, wie sie in Wahrheit gewesen ist.

Die FAZ betrachtete es daher einmal als eine wesentliche Lehre Kempowskis, daß es eine „Entideologisierung, eine Entpathetisierung unseres Denkens, Redens und Schreibens, und zwar in jeder Hinsicht“, brauche. Nicht ganz! Denn auch Kempowski hatte für Pathos offenbar viel übrig, wie auch die Tagebücher zeigen. Am Tag des Mauerfalls etwa fragt er, warum denn niemand nun den Choral „Nun danket alle Gott“ angestimmt hat, und warum bei der Rede Helmut Kohls am Schöneberger Rathaus keine Blaskapelle zur Stelle sei, wenn man schon im Vorfeld wisse, daß die Nationalhymne gesungen werden soll („Entwürdigend, beschämend, widerlich“).

Der Unterschied zum Pathos einer Claudia Roth ist nur: er zwang ihn nicht anderen auf, sondern überließ ihn der Entscheidung des Lesers beziehungsweise aller Menschen. Außerdem verwechselte er Pathos nicht mit irrationaler Hysterie. Die Faszination für manche Kempowski-Leser besteht nun auch darin, daß seine nüchterne und unkommentierte Darstellung von Geschichte ausreicht, um sogar die heutige und zukünftige Linke noch zu entlarven, ihr den Spiegel vorzuhalten.

Die Medienmafia schwieg Kempowski absichtlich und systematisch tot

Mit der Zitate-Serie wollte ich Kempowski in Erinnerung rufen und vielleicht auch ein bißchen Neugier auf ihn wecken. Von anderen Medien ist ja in der Richtung nichts zu erwarten: Von der Medienmafia wurde Kempowski absichtlich und systematisch totgeschwiegen, selbst die Nachricht seines Todes vor rund drei Jahren floß beim Fernsehsender N-TV nur als Fließzeile durch den unteren Rand des Bildschirms. Warum das so war und ist, dafür gibt ein Dialog in seinem 1990er-Tagebuch „Hamit“ eine glaubhafte Begründung:

>> Denk zu Tankred Dorst: „Wie kommt es eigentlich, daß Kempowski von der Kritik so schlecht behandelt wird?“

Dorst: „Er hat in Bautzen gesessen.“ << (S.344)

Ähnliches wird wohl bei der Kampagne gegen den CDU-Politiker Peter Krause vor zwei Jahren eine Rolle gespielt haben, bei der Krause angebliche braune Tendenzen unterstellt wurden. Krause stellte 1988 einen Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR, was seine Exmatrikulation aus der Universität nach sich zog. Er gehörte zu den Erstunterzeichnern des Neuen Forums im Bezirk Gera. Aktive Gegner und Opfer von Diktaturen sind den Linken höchst verdächtig, denn sie haben meistens eine losere Zunge und könnten gewisse Parallelen feststellen.

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