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Walpurgisnacht in Friedrichshain

Die Walpurgisnacht, Auftakt zum „Wonnemonat” Mai, ist zugleich die Nacht der bösen Geister. Mit erwachendem Lebenstrieb tritt auch das Finstere hervor – zumindest in der Phantasie von Volk und Inquisition vergangener Jahrhunderte. Auf dem Blocksberg, also dem Brocken im Harz, trafen sich Hexen, Zauberer und Incubi, um am flackernden Feuer unter Verwendung heftigster Rauschmittel, bei verbrecherischem Tun und allerlei Obszönitäten, ein Fest der Verfluchten zu feiern.

Berlin-Friedrichshain, 30. April 2010 zur Mitternacht, Geisterstunde: In der Boxhagener Straße steht eine alte Friedhofskappelle – tagsüber ein Ort für Trauer-Riten, abends ein Theater. Und nachts öffnet die „Theaterkapelle“ ihre Gewölbe-Bar, sinnigerweise „Knochenbox“ genannt.

An diesem Abend parken zahlreiche Polizeiautos vor dem Eingang, denn nur eine Seitenstraße weiter, auf dem Boxhagener Platz, feiert man die Berliner Version der Walpurgisnacht. Und die geht Punkt Mitternacht in den berüchtigten „1. Mai“ über. Deshalb lasten sowohl auf dem Publikum als auch auf der Polizei Anspannung, Streß und zwiespältige Erwartung. Schließlich wurde die 1.-Mai-Eskalation in vergangenen Jahren oft „vorgezogen”, sie begann bereits in der Walpurgisnacht.

Masse ist wie ein gigantischer Chor

In lauwarmer Nacht wimmelt es von Schwarzgekleideten. Unter die „Wochenend-Clubber“ mischen sich auch Vertreter der sozialen Unterschicht, die in den letzten Jahren an die Peripherie gedrängt wurden. Vom Freak bis zur glamourösen Party-Queen ist jeder Typ vertreten. Cafés, Bars, Bistros, Restaurants – alle sind randvoll. Die heftigen Rauschmittel von einst finden in Bier und Joint homöopathischen Ersatz.

Eine Menschenmenge drängt zum abgeriegelten Platz. Auf dessen dunkler, durch Scheinwerfer fleckenartig illuminierter Fläche bewegt sich eine zweitausendköpfige Masse wie ein gigantischer Chor. Um sie herum, an manchen Stellen auch durch sie hindurch, bilden die Polizei-Riegen eine Art Gegen-Chor. Auf den Balkonen umstehender Häuser lauert das Tragödien- oder Gladiatorenpublikum. Aus den Fenstern donnert Musik, blitzt Fotolicht. Und immer wieder klirren Bierflaschen auf den Asphalt.

Die Hauptdynamik konzentriert sich auf die Absperrungen. An den Metallgittern stehen sich Polizisten und das geballte Publikum gegenüber. Kleinste Bewegungen einer Partei rufen Skepsis oder Zorn bei der anderen hervor. „F…t euch doch tot!“ schreit ein Angetrunkener. Auffällig ist, daß die Wut nur dort ausbricht, wo der Augenkontakt verlorengeht, wo man das Gegenüber nur noch als Uniformträger wahrnimmt; ob mit grüner Diensttracht und Schutzhelm oder mit schwarzem T-Shirt und Jeans.

Party-Queens unter mächtiger Panzerung

Dagegen reden Nachtschwärmer und Polizisten mit direktem Augenkontakt oft ganz entspannt miteinander, lachen sogar. Ein Jugendlicher zeigt einem Beamten die neuen Funktionen seines Handys, ein alltägliches Privatgespräch. Aber nur drei Schritte dahinter im Dunkeln ist alles Individuelle tot, ist Masse, Uniform, Feind. Der Symbolwert eines Stoffetzens wächst ins Absolute – oder ins Absurde. In dieser Nacht bleibt die Eskalation aus, zumindest hier.

Um ein Uhr, zum Ende der Geisterstunde, setzt schon die Entspannung ein. Die Masse der Nachtschwärmer löst sich auf, zieht sich zurück. Die ersten Polizeibeamten nehmen ihren Schutzhelm ab. Unter den enthüllten Gesichtern auch die von zwei wunderschönen Polizistinnen. Zwei potentielle Party-Queens unter mächtiger Panzerung. Man lacht erleichtert.

Heute nacht wurde den Boulevardmedien kein ritueller Gladiatorenkampf geboten. Doch diese wirkliche Befreiung währt nur bis zum nächsten Tag.

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