Verständnis über alles

Wir leben in Zeiten, in denen nichts über das Verständnis geht: Verständnis haben, Verständnis zeigen, um Verständnis bitten – in allen Lebensbereichen ist das jetzt sehr wichtig. Der Bettler will Verständnis für seine soziale Lage, der Politiker für die herrschenden Zwänge; Verständnis für den verspäteten Bus ebenso wie dafür, in ebendiesem Bus von Menschen einer fremden Kultur zusammengeschlagen worden zu sein. 

Verständnis, Verständnis über alles. Verständnis für den Einwanderer, denn er ist anders und fühlt sich diskriminiert; Verständnis für den Linksextremen, denn er ist arm und wurde durch Reichtum provoziert; Verständnis für den Vergewaltiger, denn er ist häßlich und war selbst irgendwann mal ein Opfer. Nur für den Neonazi brauche ich kein Verständnis zu haben, aber das ist ein anderes Kapitel.

Das Volk der Dichter und Denker, so scheint es, ist jetzt ein Volk der Allesverständigen geworden. Doch woher kommt diese Sucht nach Verständnis? Zunächst einmal aus einer ganz banalen Verwechselung. Man redet und handelt so, als seien Verständnis und Verstehen ein und dasselbe. Das ist es aber nicht. Denn verstehen kann man sehr vieles, jedenfalls sollte man sich darum bemühen.

Äußere Gründe aufzeigen

Ich kann beispielsweise verstehen, wenn Jugendliche aus Einwandererfamilien Jagd auf die verbliebenen Deutschen und deren Kinder machen. Ich kann auch verstehen, warum Journalisten dies in ihrer kleinen Papierwelt weitgehend ignorieren und statt dessen von „Diskriminierungserfahrungen“ phantasieren. Ich kann vieles verstehen, sogar wie man dazu kommt, zu glauben, man dürfe Menschen in Vernichtungslager stecken.

Alles das kann ich verstehen. Aber daß ich dafür auch Verständnis hätte, heißt dies noch lange nicht. Einer meiner Professoren, der durch die Stürme der Studentenbewegung gegangen ist, wußte von nächtelangen Diskussionen in seiner Wohngemeinschaft zu berichten, in denen Mitbewohner Reinhard alles und jedes „voll verstehen“ konnte. Es ging in dieser WG dann der geflügelte Satz um: „Reinhards Waschmaschine ist kaputt, und er kann das voll verstehen.“

Das Verstehen wird nur unter einer Bedingung zum Verständnis. Der Mensch hat einen Willen, und aus diesem Willen entsprießen Handlungen. Diese Handlungen fließen allerdings nur bedingt aus dem reinen Willen, sondern werden meistens von außen beeinflußt. Wem es nun gelingt, den anderen äußere Gründe aufzuzeigen, warum er so und nicht anders handeln konnte, der kann auf Verständnis hoffen. Denn er hat ihrem Verstand Gründe genannt, warum es nicht sein Wille war.

Einigermaßen logische Kausalkette

Ich fasse eine Tasse an, die Tasse ist heiß, ich lasse los, sie zerschellt. Wer sollte mir das schon vorwerfen? Ich konnte doch nichts dafür. Es war ein Reflex, nicht mein Wille, der die Tasse zerstörte. Heute ist es Mode, überall Reflexe zu sehen. Ein Triebtäter kann doch nichts dafür, es war sein Trieb, der ihn das Verbrechen begehen ließ. Auch in diesem Fall hat die „zerbrochene Tasse“ eben Pech gehabt. Sein Wille war es jedenfalls nicht.

Noch für die abscheulichsten Verbrechen kann ich so um Verständnis bitten. Ich muß lediglich eine einigermaßen logische Kausalkette aufzeigen, die unabhängig vom Willen des Handelnden abläuft. Ein ganzes Menschenbild kann ich mir daraus zurechtzimmern, in dem der Wille insgesamt verschwindet. Doch dann habe ich ein Problem. Was ist mit demjenigen, der die Tasse festhält?

Was ist mit demjenigen, der sich eher die Hand verbrüht, als daß er die Tasse fallen ließe? Geht das? Die Erfahrung zeigt es. Etwas kann also die scheinbar automatisch ablaufende Kausalkette durchbrechen. Doch dieses Etwas ist der Wille. Dieser freie menschliche Wille – nichts anderes – ist es, was sich den „Notwendigkeiten“, den „Zwängen“, den „Verhältnissen“ entgegenstellt.

Würde des Menschen

Was macht uns eigentlich zu Menschen? Daß wir in eine bestimmte Rasse hineingeboren werden, in einer bestimmten Kultur aufwachsen, einer bestimmten sozialen Schicht angehören? Alles das mag dazu beitragen, menschliches Verhalten zu deuten. Alleine diese Äußerlichkeiten erfassen nicht, was uns als Menschen ausmacht. Denn das ist der freie menschliche Wille.

Wenn man heute um Verständnis wirbt, dann häufig mit der tiefergehenden Begründung, die „Würde des Menschen“ gebiete dies. Diese würde es mir untersagen, einen Menschen einfach so zu verurteilen und über ihn zu richten. Statt dessen müsse man sich in sein Lage versetzen und verstehen, warum er so und nicht anders handeln konnte. Aber es gibt nur die eine Würde des Menschen. Und die hat man gerade dadurch verneint.

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