Senk ju vor träwelling

Die einen sind entnervt, die anderen erheitert. Wenn sich im ICE der Deutschen Bahn wieder einmal ein Zugbegleiter auf Oettinger-Art in der Kultursprache Englisch versucht, bleibt selten ein Auge trocken. Die satirische Buchreihe „senk ju vor träwelling – Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen“ von Mark Spörrle und Lutz Schumacher wurde nicht grundlos zum Verkaufsschlager und hat es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht. Jetzt soll es allerdings weniger englische Durchsagen geben.

Zur Einführung der englischen Durchsagen anläßlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Lande hatte sich noch Jörg Winterfeld in der Welt   begeistert: „Alle Durchsagen sind zweisprachig, und selbst wenn vereinzelt etwa eine sächsische Betonung auffällt, klingen die wohlgemeinten Vokabeln fast alle wie echtes Englisch.“

Seit langem sind jedoch die meisten Fahrgäste dieses „fast echten“ Englischs überdrüssig geworden. Während Wenigreisende über das Kauderwelsch noch schmunzeln können, ist den Vielreisenden das anfängliche Lachen längst vergangen und dem Verdruß gewichen.

Der „Muezzin-Ruf der Anglisierer“ erstirbt

Ausländische Gäste hingegen achten gar nicht so sehr auf diese Denglisch-Durchsagen, sondern unterrichten sich eher mit Hilfe des ausliegenden Fahrplans oder der elektronischen Anzeigetafeln im Zug. Da die englischen Ansagen nicht einmal für Ausländer einen Mehrwert bringen, sondern meist einfach nur Weltläufigkeit vorgaukeln sollen, spricht ein Freund gar vom „Muezzin-Ruf der Anglisierer“.

Nun will die Deutsche Bahn handeln. „Auch die englische Sprache in den Zügen soll reduziert und auf Strecken und Bahnhöfe konzentriert werden, wo internationale Gäste unterwegs sind“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, jüngst in der Wirtschaftswoche. Grube hatte bereits zu Beginn des Jahres eine „möglichst durchgängige Verwendung der deutschen Sprache“ angekündigt. So soll unter anderem der „Service Point“ bald der Vergangenheit angehören.

Rückbesinnung auf die Sprache der Eingeborenen

Schon frohlockt der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Neumann über den geplanten Wegfall entbehrlicher Informationen: „Die Leute werden bei häufigen Halten durch viele Ansagen genervt“. Deswegen sei es richtig, die englischen Texte „auf ein vernünftiges Maß“ zurückzustutzen.

Wenn der Zug zum Beispiel tief im Westen auf den Bochumer Hauptbahnhof zurolle, sei es überflüssig, statt „nächster Halt“ auch noch „next stop“ dazuzusagen. „Das verstehen ausländische Reisende mit deutschem wie mit englischem Vortext“, meint Naumann. Ebenso freuen sich die Sprachschützer, die immer wieder davor warnen, daß die in Deutschland angestrebte deutsch-englische Zweisprachigkeit nur eine Übergangsphase im Prozeß der Abschaffung der deutschen Sprache darstellt.

Auch wenn es den Anglisierern nicht gefällt: Wer durch Deutschland reist, muß eben immer noch damit rechnen, daß die Sprache der Eingeborenen gesprochen wird. Danke, Deutsche Bahn!

 

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