Satirische Glasnost im Focus

„Wie wohl die Einheitsgegner vor ihren Apparaten mit den Zähnen geknirscht haben. Ich lag im Sessel und dachte: „Was nun wohl noch alles kommt?“ Diese Frage, die Walter Kempowski am Tag der Wiedervereinigung 1990 stellte, können wir nun etwas besser beantworten. Zwischen den Nationalfeiertagen von Bundesrepublik und DDR erschien nun ein denkwürdiger Artikel im aktuellen Focus, der vorläufig als eine Art Standardwerk der DDR-light-Kritik gelten kann. Und das, obwohl es sich um eine Satire handelt.

 Der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hält dort eine Rede zum 20.Jahrestag der deutschen Einheit, „heimlich aufgezeichnet von Michael Klonovsky“. Die Pointe besteht natürlich darin, daß Honecker sich an allen Ecken und Enden zufrieden über den derzeitigen Zustand Deutschlands zeigt, auch wenn er hier und da noch kleinen Verbesserungsbedarf sieht:

„Genossen, das Ministerium für Staatssicherheit ist zerschlagen, doch viele verdienstvolle Inoffizielle Mitarbeiter arbeiten im System BRD. Liebe Genossen, eine sozialistische, in Teilen sogar kommunistische Partei ist heute im Bundestag vertreten. Wer hätte das vor 20 Jahren gedacht? Es gibt keine Partei, die es heute noch wagen würde, fundamental antisozialistisch zu argumentieren oder die Interessen der bürgerlichen Klasse zu vertreten; sie wäre sofort erledigt. Alle Parteien beteiligen sich am Kampf gegen rechts. Die Familienpolitik der Bundesregierung nähert sich der sozialistischen, der Staat greift immer stärker in die Familien ein, und wir Kommunisten wissen, daß die Familie die Keimzelle des Egoismus und der bürgerlich-reaktionären Gesinnung ist.“

 Leider kann ich nur begrenzt zitieren – aber in dieser Art rockt das durch den gesamten Artikel! Kaum eine DDR-Parallele wird von dem DDR-Überlebenden Michael Klonovsky ausgespart: Die links-antifaschistische Gleichschaltung von Parteien und Medien, die kommunistische Geschichtspolitik Merkels, der jämmerliche Zustand der Meinungsfreiheit, und und und… Für einen Augenblick vergesse ich meinen Kulturpessimismus.

 Klonovsky muß in die Satire flüchten

 Wenn man wirklich noch das Haar in der Suppe finden will, dann allenfalls darin, daß wohl selbst das nur eine Spitze des Eisbergs ist. Denn neben der politischen Meinung gibt es noch ganz andere Punkte, die zu DDR-ähnlichen Ausgrenzungsmechanismen führen… Trotzdem: Wohl nie zuvor wurde in einem etablierten Blatt eine solch fundamentale Abrechnung mit dem DDR-Geist geboten, und deshalb konnte sie wohl auch nur als Satire erscheinen, sodaß sich der Autor hinter der Satire verstecken kann. Doch gewiß werden dennoch tröstlicherweise genügend Leser verstehen, was Klonovsky „zwischen den Zeilen“ sagen will (zum Beispiel damit: „Alle Systemparteien sind reif, Blockparteien zu werden!“).

 Daß die Polemik nicht übertrieben ist, zeigt übrigens die Tatsache, daß zwar nicht mehr Honecker selbst, aber seine Frau tatsächlich in optimistischer Stimmung ist. Bei Youtube kann man sie frohlocken hören: „Es ist nicht totzukriegen, sondern mehr und mehr und mehr besinnen sich die Menschen darauf, was sie gehabt haben an der Deutschen Demokratischen Republik.“ Und diese Zuversicht von Honecker muß ihre Gründe haben!

 Allerdings will ich mit meinem sozialistischen Vaterland auch nicht zu hart und unfair ins Gericht gehen, man muß auch „differenzieren“, denn nicht alles war schlechter im Arbeiter- und Bauernstaat. Multikulti-Wahnsinn, gutmenschliche Kuschelpädagogik, Gender Mainstreaming und Frauenquoten – all das hat es in der DDR in der Tat nicht gegeben. Uns Ossis wird man dies niemals verzeihen. Nach 1989 wurde glücklicherweise aus beiden Systemen das Gute und Menschliche, also das Antifaschistisch-Demokratische, übernommen und zu dem Gebräu vermischt, das man wahlweise als „Politische Korrektheit“, „DDR light“ oder „Irrenhaus Deutschland“ bezeichnen kann. Insofern ist die Einheit tatsächlich gelungen.

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