Sarrazin und die Zyklopen

„Warum Hohmann geht und Friedman bleibt“ heißt ein 2005 erschienenes Buch von Arne Hoffmann. Damals war noch klar, wer gehen mußte und wer bleiben durfte: Hohmann ging, Möllemann ging für immer, in den Niederlanden und in Österreich „gingen“ Pim Fortuyn und Jörg Haider, wenn auch unter sehr verschiedenen Umständen, und jüngst „ging“ die Berliner Richterin Kirsten Heisig – aber ihr Buch führt die Bestsellerlisten an.

Schon Eva Herman ging vor zwei Jahren nicht mehr so ganz, sondern blieb nach ihrem Rauswurf bei der ARD als Publizistin präsent, und die öffentliche Stimmung begann sich zu drehen, als Figuren wie Johannes B. Kerner oder Margarethe Schreinemakers in ihrer Selbstgefälligkeit den Bogen der politischen Korrektheit überspannten und das Spiel von Tabubruch, Empörung und Bestrafung ins Absurde zogen.

Was bei der verhältnismäßig intellektuellen Auseinandersetzung um Martin Hohmann trotz allem Getöse noch halbwegs hinter verschlossenen Türen stattfand, weil nur wenige seine Rede gelesen hatten und geistesgeschichtlich einordnen konnten, ließ sich bei einer prominenten Fernsehjournalistin und ihren harmlos-ungeschickten Äußerungen, deren böswillige Skandalisierung allzu offensichtlich war, nicht mehr durchführen.

Die Rassismuskeule trifft nicht mehr

Und nun Sarrazin: Sollte der deutsche Michel tatsächlich aufwachen? Islamisierung und Kulturverfall, Bildungsmisere und genetische Veranlagung, Harz IV, Migrantenkriminalität, die gescheiterte Integration und deren Kosten: Sarrazin hat einen Spieß nach dem anderen in das eine, vor lauter Ideologie so fehlsichtige Auge unseres Polyphem – der politischen Klasse, die isoliert in der abgeschotteten Höhle ihrer Parallelgesellschaft hauste – gestoßen. Er konnte dies nur deshalb tun, weil er selber lange in dieser Höhle saß und zu deren Establishment gehörte.

Polyphem wütet entsetzlich, verjagt den Odysseus, vorerst jedenfalls, von seinen warmen Lagerplätzen bei SPD und Bundesbank und schlägt nach ihm mit seiner Keule – aber die Rassismuskeule trifft nicht mehr, und weil er dies merkt, heult er um so lauter. Er wird in Zukunft nicht mehr so ungestört in seiner Höhle hausen, seinesgleichen erzählen, daß er zwei Augen habe und jeden, der dies bestreitet, verspeisen; aber man sollte auch nicht erwarten, daß der Einäugige nach seiner Blendung plötzlich sehen lernt.

Zwar ist erfreulich, wie viele zweiäugige Zyklopen es plötzlich bei der CDU oder im Spiegel gibt, die behaupten, sie hätten schon immer zwei Augen gehabt – Wolfgang Bosbach etwa, der in Anne Wills Talkrunde verlangt, daß „umstrittene Persönlichkeiten ausgehalten“ werden müssen, oder Matthias Matussek, der ein Ende der „politisch-korrekten Medientribunale“ mit ihren „Gouvernanten“ und „Denunzianten“ ausmacht –, aber die Probleme sind struktureller Art, und es ist nicht zu erwarten, daß diejenigen sie beseitigen, die sie so lange mitverursacht haben.

Es muß nun nachgestürmt werden

Selbst eine Partei „aus dem Geiste Sarrazins“, die derzeit ein hohes zweistelliges Wahlergebnis erzielen dürfte, wäre kein Garant für einen grundlegenden Wandel; Sarrazin selbst hat bislang kein Interesse an einer politischen Betätigung außerhalb der SPD gezeigt, und er bezeichnet diese Partei (die bei oft nur noch knapp über fünfzig Prozent Wahlbeteiligung ein Viertel der abgegebenen Stimmen, insgesamt also ein Achtel, erreicht und alles Mögliche, aber nicht die Interessen des deutschen Volkes vertritt) allen Ernstes als „Volkspartei“.

Die Etablierung einer starken politischen Kraft, die das Vakuum der demokratischen Rechten ausfüllt, wie kürzlich von dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz gefordert, wäre ein Schritt in die richtige Richtung, aber sie könnte, sollte sie nicht mit einem starken Mentalitätswandel einhergehen, sehr schnell vom herrschenden System aufgesogen werden, was nicht nur mit dem Opportunismus einzelner, sondern mit der Logik des Ganzen zu tun hat.

Solange Parteien Wahlen mit dem Versprechen möglichst hoher Sozialleistungen gewinnen, sich ein von diesen abhängiges Wahlvolk züchten oder gezielt ins Land holen; solange wirkliche Bildung gar nicht erwünscht ist, weil sie zur Hinterfragung der Machtverhältnisse führt; solange der Horizont nur bis zum nächsten Wahltermin reicht und es keine überparteiliche Instanz gibt (wie derzeit der Bundespräsident in seiner ganzen Marionettenhaftigkeit so traurig bezeugt), wird sich nichts ändern.

Immerhin ist das Tor der politisch-korrekten Festung ein Stück aufgestoßen – es muß nun nachgestürmt und das „Geschichtszeichen“ (Norbert Bolz über die Wirkung von Sarrazins Buch) bis auf die Zinnen getragen werden.

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