Material DDR II: Revolution

Vor zwanzig Jahren ging die DDR unter, reduziert zum Beitrittsgebiet, ein Jahr davor erlebte sie im Schatten der Mauer ihren letzten Sommer realsozialistischer Art, der vom Wendeherbst noch nichts wußte.

Ihre Geschichte brach ab, und zwar sang- und klanglos, begleitet von den verdämmernden Illusionen der sich zerstreitenden Bürgerbewegung. Das Ende wirkt so prosaisch, weil es sich dabei weniger um eine Revolution handelte als um den Systemabsturz des pseudokommunistischen Sowjetimperialismus, dessen wirtschaftlich und militärisch nicht unwesentlicher, aber geographisch randständiger Teil die DDR war. Ein Musterschüler zwar, aber einer mit Westverwandten und Westfernsehen, Bewohner einer zerbrochenen Nation.

Gewissermaßen hatte die Sowjetunion der moribunden DDR die Apparate abgestellt, und zwar die letzten, die noch am Laufen waren, die Machtapparate. Staatspolitischer Hirntod! Die Sowjetunion war das Alpha und Omega der DDR, ihr Eingang und Ausgang, Geburts- und Sterbehelfer.

Für das SED-Machtmonopol waren die Messen gesungen

Im landläufigen Sinne des Begriffs bedarf eine Revolution mindestens des potenten Gegners, eines Ancien Regimes, das noch einmal versucht durchzuladen und über den Ausnahmezustand zu entscheiden, das über Beharrungsvermögen verfügt und dessen Exponenten zu harten Schritten entschlossen bleiben, und sei es aus Verzweiflung, aus Idealismus oder Fanatismus. Aber diesen Gegner, diese Staatsgewalt, hatte spätestens seit der Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 niemand mehr zu fürchten.

Als am Vorabend der bis dahin größten Demonstration von 70.000 Menschen drei Leipziger Prominente mit drei unabhängig von der Zentrale handelnden SED-Sekretären im Haus von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur einen gewaltvermeidenden Aufruf erarbeiteten und darauf die Teilnehmer des Friedendgebetes mit Kerzen in der Hand die Nikolaikirche verließen, standen draußen zwar noch Kampfgruppen und Polizei, Truppen waren zusammengezogen und die Hundestaffeln bellten, aber für das SED-Machtmonopol waren die Messen da bereits gesungen.

Der ausgehandelte Leipziger Separatfrieden, der den Bürgerkrieg vermied, wurde erlöst aufs ganze Land übertragen. Denn längst war klar: Diesmal bleibt die Sowjetarmee in den Kasernen. Und wenn dem so war, dann durfte jeder sich zur Demo trauen, denn was die DDR für sich noch aufzubieten hatte, war somit nur noch Operettenstaffage aus dem verstaubten Fundus. Von sich aus hätten nur noch ideologisierte Psychopathen zu den Waffen gegriffen.

Die Pragmatiker gewannen die Hegemonie

Als die Massen in Volksfeststimmung demonstrierten, blickten die Offiziere der Stasi genauso verblüfft aus den Fenstern ihrer Dienststellen wie die letzten zu Hause gebliebenen Spießer, die darüber staunten, wie schnell ein Staat erledigt war, der über eine papierne Verfassung, eine aufmunitionierte Exekutive und bis zu Gorbatschows Wende über den Feuerschutz Hunderttausender Sowjetarmisten verfügte.

Der Rest ist bekannt: Die Bürgerbewegten gingen noch ein bißchen in die Politik, aber letztendlich gewannen die Pragmatiker die Hegemonie, gedeckt vom breiten Rücken Helmut Kohls, der, Bismarck zitierend, den Mantelsaum der Geschichte ergriffen hatte und nicht den Fehler beging, Pro und Kontra einer Vereinigung erst feuilletonistisch abzuwägen, sondern der handelte, und zwar restaurativ, nicht revolutionär. Was funktionierte und offenbar von der Geschichte geboten war.

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