Die Furie der Toleranz

Wehe dem, der an ihr zweifelt. Wehe dem, der sie nicht anbetet. Dreimal wehe demjenigen, der nicht bis in die verborgendsten Winkel seines Herzens die Toleranz zur absoluten Maxime seines Handelns macht. Sturmtruppen unserer „weltoffenen“ und „plural ausdifferenzierten“ Gesellschaftsideologie werden ihn niedertrampeln, und man kann nur hoffen, daß man nur im übertragenen Sinne seine Knochen brechen hört.

Nirgendwo schärfer offenbart sich in unserer Gesellschaft die Diskrepanz zwischen begrifflichem Denken und sozialem Handeln mehr, als in der intoleranten Einforderung von Toleranz. Noch die unverschämtesten Anmaßungen müssen geduldet werden, während Kritik an ihnen verfolgt wird. Doch woher rührt dieser groteske „Kampf gegen die Intoleranz“?

Es gibt zwei unterschiedliche Sichtweisen auf den Menschen. Aristoteles betrachtete den Menschen als zoon politikon, als ein von Natur aus zur Gemeinschaft bestimmtes Wesen. Ein angeborener Sozialtrieb, der durch Tugenden in die Gesellschaft eingepaßt wird, läßt den Menschen als Teil einer Gruppe handeln. Anders dagegen Thomas Hobbes, für den der Mensch nur einen egoistischen Trieb zur Selbsterhaltung besitzt. Gesellschaft ist hier reines Mittel der Befriedigung.

Tatsächlich besitzt der Mensch beide Tendenzen; ja es ist noch nicht einmal sicher, ob diese Antipoden nicht dem gleichen Urtrieb entspringen. So kann sich derselbe Mensch durchaus selbstlos für seine Familie, Sippe oder Nation einsetzen, gleichzeitig aber deren Interessen rücksichtslos gegenüber anderen Gruppen durchsetzen. So ist die Frage nach Altruismus oder Egoismus häufig nur die der Perspektive.

Toleranz entstammt dem menschlichen Egoismus

Das Besondere dabei ist, daß Toleranz eine Eigenschaft des egoistischen Triebes ist. Es ist eben kein Zufall, daß sich sowohl der Toleranzgedanke als auch die Vorstellung des homo oeconomicus  zuerst und am radikalsten in der angloamerikanischen Kultur entfalteten. Denn Toleranz heißt zunächst nichts anderes als Gleichgültigkeit. Wenn der Mensch als solcher nicht mehr interessiert, sondern nur dessen abstrakte Arbeitskraft, dann kann man durchaus tolerant sein.

Der Sozialtrieb dagegen kann nicht aus sich heraus Toleranz entwickeln. Denn sobald man sich dem anderen verbunden fühlt, stülpt man ihm notwendigerweise die eigenen Sozialvorstellungen über. Männer, die sich in einer Gruppe als Männer verhalten, können dadurch gar nicht anders, als gegen sexuell abweichendes Verhalten vorzugehen. Und wenn diese Männer homosexuell sind, dann gehen sie eben gegen die vor, die es nicht sind.

Was ist das denn eigentlich, was heutzutage als „Intoleranz“ kriminalisiert und verfolgt werden soll? Es ist nichts anderes als das soziale Ordnungsmuster der alten Bundesrepublik, bevor diese von den zweifelhaften Segnungen der Revolution von 1968 heimgesucht wurde. Damals gab es durchaus eine klare Rollenvorstellung, wie man sich als Frau oder Mann, als Angehöriger der Arbeiter-, der Bürgerschicht und so weiter zu verhalten habe.

Diese Anmutungen an den einzelnen werden heute mit großem Geschrei zurückgewiesen. Statt dessen strebt man ein „tolerantes Nebeneinander“ der „unterschiedlichsten Lebensentwürfe“ an, in dem ein jeder „selbstbestimmt“ so dahinleben kann. Das mag zunächst ganz nett klingen, nur entspricht dieser Lebensplan dem sozialen Bewußtsein von kleinen Kindern, die sich um nichts kümmern müssen.

Weist man diese Menschen nun darauf hin, oder – schlimmer noch – macht man sich über sie lustig, indem man sagt, daß hier Erwachsene mit Schnuller und Windelhöschen herumlaufen und ernsthaft behaupten, dies sei normal, so werden sie wütend. Diese Wut ist dann dasjenige, was als „Kampf gegen Intoleranz“ über uns gekommen ist. Denn obwohl hier der Egoismus gleichfalls Triebfeder ist, kann er keine Toleranz aufkommen lassen.

Hedonimus löst Verzichtsethik ab

Entwickelte sich die angloamerikanische Kultur noch vor dem Hintergrund einer Verzichtsethik, die ihr eine ungeheure Stoßkraft verlieh, so besitzt diese Form des Egoismus keine Sublimation mehr. Es herrscht nur der reine, hedonistische Konsum, der nichts Schöpferisches mehr kennt. Der Futtertrog als nie versiegendes Füllhorn, das ist das neue soziale Ideal. Toleranz heute heißt Fressen und Fressen lassen in Zeiten des Überflusses.

Generös und überaus weltoffen verteilt man mit vollen Backen kauend das geerbte Vermögen. Wozu an gestern denken, wozu an morgen? Man lebt im Hier und Jetzt das glückliche Leben einer Sau, die keine Suhle ausläßt. Das Endprodukt von 1968, pointiert gesagt, ist tatsächlich ein System für Schweine. Nur manchmal wird die Herde ängstlich und unruhig. Dann nämlich, wenn in ihrer Mitte Stimmen davon künden, daß bisher Schweine nur zu einem Zweck gemästet wurden.

Für diese Stimmen gibt es dann keine Toleranz. Sie stören die Verdauung.

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