Die Brillengläser schleifen

In einem Berliner Kellerantiquariat: Rundum Regale, voll mit alten Büchern. Ihre Erstbesitzer sind schon lange tot, die Erbschaft wird für ein paar Euro erneut unters Volk gebracht. Darunter auch ein Roman über „Leibniz“, Wien 1934. Sein Verfasser, Egmont Colerus, schrieb in den 20ern populärwissenschaftliche Sachbücher und Romane, darunter den berühmten „Sodom“ (1920), über den Untergang von Kulturen. Nach 1938 bekam er Ärger wegen projüdischer Gesinnung. Ein Jahr später ersparte ihm ein tödlicher Herzinfarkt den Rest.

Das Blättern in der Romanbiographie führt zu einem Kapitel mit der Überschrift: „Leibniz spricht mit dem Dämon der Philosophie.“ Dämon der Philosophie? Colerus schildert darin, wie Baron von Leibniz bei einem Aufenthalt in Amsterdam den Philosophen Baruch de Spinoza besucht. Der edel gekleidete Gast zwängt sich durch das enge Amsterdamer Treppenhaus, klopft an die Tür eines ärmlichen Hinterzimmers, in dem Spinoza seine Gläser schleift. Ein Raum, so arm und staubig wie das Antiquariat, in dem vorliegendes Buch sich befand.

Geistige Freiheit

Die meisten Studien über Spinoza handeln vom „Pantheismus“, mit dessen Hilfe er den cartesischen Leib-Seele-Dualismus aufzuheben hoffte: Körper und Geist sind keine eigenständigen Substanzen, sondern Attribute einer unendlichen Substanz, Gott genannt. Kein persönlicher Gott, sondern „blinde“ Substanz, in der sich alles verliert. Auch Willensfreiheit und individuelle Unsterblichkeit haben da keinen Platz. Colerus läßt Leibniz bei der Konfrontation mit dieser Philosophie erbleichen. Und nicht nur ihn. Spinoza erregte einen – heute unvorstellbaren – Skandal. Die portugiesisch-jüdische Gemeinde von Amsterdam verstieß ihn mit einem rituellen Fluch. Wie der mit christlichem Kirchenbann belegte Mystiker und Schuster Jakob Böhme wurde der niederländische Philosoph zu Lebzeiten angefeindet, bedroht und als „Dämon“ gefürchtet.

Woher die Kraft nehmen, all dem standzuhalten?  Aus dem selben Grund, weshalb er auch eine angebotene Dozentenstelle ablehnte: um nicht die geistige Freiheit zu verlieren. Um zu sagen, was er dachte. Dafür war kein Preis zu hoch. Nicht aus Narzißmus, sondern aus der Einsicht heraus, daß Affektbefriedigung durch Ruhm, Reichtum und Sinnlichkeit kein dauerhaftes Glück bringt; daß dies nur in der Gotteserkenntnis zu finden ist, in der „Amor Dei intellectualis“. Wiedergeliebt wird nicht, da der unpersönliche Gott auch keine Liebes-Affekte haben kann. Diese Ethik der radikalen Bescheidung ließ ihn den Beruf des Brillenglasschleifers ergreifen.

Versuch eines „anderen Lebens“

Eine ruhige Tätigkeit, die ihm Unabhängigkeit und finanzielles Überleben sicherte – ihn aber organisch tötete. Der Glasstaub zerstörte langsam und qualvoll seine Lungen. Was für ein Symbol: Ein Weiser, der durch sein Erstellen von Brillengläsern andere schärfer sehen läßt und selber dabei die Luft zum Atmen (indisch: Atman, Seele) verliert. Deshalb muß Leibniz im Roman erfahren, daß die Brille, die seine Kurzsichtigkeit lindert, tatsächlich aus Spinozas Werkstatt kam. Aber der prekarische Kollege wird ihm auch in intellektueller Hinsicht noch den Blick schärfen…

Spinozas abstrakte, in Analogie zur Geometrie gedachte Beweisführung lädt zur Lektüre ohne Rücksicht auf Verfasserbiographie. Auch Goethe und die deutsche Romantik haben diese Tendenz gefördert, indem sie schwärmerische Varianten seines Pantheismus kreierten. Dem Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts aber könnte diese Philosophie vor allem als „gelebtes Denken“, als Versuch eines „anderen Lebens“ von Bedeutung sein. Spinozas kleine Schrift „Um die Bemühung, zu einer neuen Lebensweise zu gelangen“ ist ein aktueller Wegweiser zur Bremsung des gesellschaftlichen Irrenkarussels. Sie zeigt den Verfasser auf der Suche nach einem Ruhepol in postchristlicher Zeit, heraus aus dem destruktiven Strudel von Streß, Hierarchie, Marktzentrierung und Anpassungszwang. Im Gegensatz zu Thomas Hobbes wußte er: „Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit.“

Der stille Denker bewies schon früh, daß selbst mathematisch-technisches Denken in Konsequenz zum „Aussteigen“ treibt, daß tiefste Ratio zur therapeutischen Mystik führen kann.

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