Deutsch-Abitur 2010

Mecklenburg ist stolz auf sein Zentralabitur, gewissermaßen als Bastion kultureller Bestandsbewahrung. Dem Hauptfach Deutsch kommt dabei besondere Bedeutung zu. Alljährlich sind Schüler und Lehrer darauf gespannt, mit welchen Prüfungsthemen uns das Kultusministerium diesmal beschenkt.

Interessant mutet die Auswahl für den diesjährigen Jahrgang an. Seit zwei Jahren war klar: Zum einen sind Goethes „Wahlverwandtschaften“ dran; und zwar in der exponierten Weise, daß sie bereits zum zweiten Mal Thema sein sollten, denn bereits das Deutsch-Abitur 2009 war ebenfalls von diesem eigenwilligen Werk bestimmt, das es durchaus schwer hat, Achtzehnjährige zu inspirieren oder gar zu entflammen.

Wie bildungsbürgerlich, einfallsreich also! Offenbar wollte man dies dann pfiffig und erfrischend ausgleichen und fand es obercool, als zweite Pflichtlektüre dem etwas behäbigen Goethe-Roman ausgerechnet Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ beizugesellen.

Bändeweise Sekundärliteratur

Also wurde beides aufmerksam studiert und aus allerlei Blickwinkeln analysiert. So lange, bis die Werke völlig demontiert, sterilisiert und ganz und gar abgehakt schienen. Noch mehr wurde orakelt! Was für ein Textauszug mochte Grundlage der Abiaufgaben sein?

Bändeweise schaffte man Sekundärliteratur an, die reich vorhanden ist, seit die Schulbuchverlagen registrierten: Mecklenburg-Vorpommern macht Kehlmann zur Pflichtlektüre am Gymnasium,  wie modern! – Und zu Goethe gibt es ohnehin Fußnoten in Hülle und Fülle.

Man mag sich – bei allem Respekt gegenüber Kehlmanns nettem Bändchen – wundern, weshalb diese Sommerlektüre zu so hohen institutionalisierten Ehren kam, dass ein Kultusministerium sie zum Abiturstoff erhebt, aber das mag allzu konservativ gedacht sein.

Wochenlanges Brainstorming

Als wir den Umschlag mit den Abituraufgaben schließlich aufrissen, konfrontierten uns die geistreichen Bürokraten mit einer ganz besonderen Überraschung, sozusagen mit einem Schmankerl Beamtenwitz: Sie koppelten kurzerhand beide Pflichtlektüren in einer einzigen Aufgabenstellung. Das hatte niemand so erwartet, es war ganz clever ausgedacht!

Ein randständiger Auszug des Kehlmann-Romans und zwar das Kapitel „Die Höhle“, in dem Humboldt und Bonpland gemeinsam mit zwei Mönchen und einem Indianer ein finsteres tiefes Fledermaus-Domizil erkunden, in Beziehung gesetzt werden zur Hauptmann-Figur bei Goethe, einem Offizier, der das Parkgelände seines Freundes Eduard technisch vermißt; eine tolle Sache, mit der wir voll auf dem falschen Fuß erwischt wurden!

Man merkte der Aufgabe und den ausgewählten Textgrundlagen schon an, dass ein Team darüber wochenlang in Brainstormings gebrütet haben musste, um eine Aufgabe zu generieren, mit der zwischen Ostsee und Seenplatte gar keiner, aber auch wirklich überhaupt niemand je rechnen konnte. Dieser Coup war gelungen, wenngleich mit dem Kollateralschaden, daß dazu kaum jemand schreiben konnte, ohne sich auf eine Weise zu verrenken, als hätte er Kafkas „Schloß“ mit „Sex and the City“ zu vergleichen.

Literarischer Bastelbogen

Meine Abiturienten strickten für die Kehlmann-Vorlagen alles zusammen, was sie aus meinem Unterricht mitgenommen und sich darüber hinaus literaturtheoretisch angelesen hatten. Und an diese unglücklichen und fatalen Versuche schraubten sie einen konstruierten Zusammenhang, der zu allen anderen Vagheiten auch noch Goethe zu seinem Recht kommen ließ, damit sie artig alles erledigt hatten.

Die Korrekturen waren aufwendig, sehr aufwendig. Und die Abiturienten schließlich unglücklich, sehr unglücklich. Wir alle ließen perplex die Köpfe hängen. Aber das Kultusministerium hatte uns allen einen verdammt cleveres Schnippchen geschlagen, ja geradezu eine Lektion erteilt, indem es einen solch kunterbunten literarischen Bastelbogen als qualifizierte Aufgabenstellung empfand.

Geradezu literarisch dann wenigstens das, was die Beamten ins Erwartungsbild schrieben: „So deutet die Darstellung, in der Fackeln und Schatten eine Rolle spielen, auf Platons Höhlengleichnis hin. Es finden sich Hinweise auf die antiken Vorstellungen vom Hades und vom Totenreich der Naturvölker, die Vögel symbolisieren Seherlust, Erkenntnisstreben und die menschliche Seele. Die Opposition von Dunkelheit/Finsternis und Licht lassen einen Verweis auf das Altes Testament (1. Buch Mose, 1) als auch auf das neue Testament (Johannes 1, 1-9) erkennen. Die Lichtmetapher verweist unter anderem auf das Licht der Vernunft, mit dem sich aufklärerisches Denken verbindet, als dessen Prototyp Alexander von Humboldt erscheint!“

Wow! Auf Platon kam sogar einer der Schüler.

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