Der Mord an Massud Ali Mohammadi

Was haben die iranischen Wissenschaftler Ardeshir Hassanpour, Shahram Amiri und Massud Ali Mohammadi gemeinsam? Antwort: Sie alle standen entweder direkt oder indirekt mit dem iranischen Atomprogramm in Verbindung und sind entweder „spurlos verschwunden“ oder ermordet worden oder kamen unter „bisher ungeklärten Umständen“ ums Leben. Hassanpour, 2005 Mitbegründer des Zentrums für Nukleartechnologie in Isfahan, starb 2007 an einer Gasvergiftung; die genaueren Umstände seines Todes konnten bis heute nicht geklärt werden. Gerüchte, daß im Falle Hassanpour der israelische Geheimdienst Mossad die Hände im Spiel gehabt hat, wollen bis heute nicht verstummen.

Der Atomwissenschaftler Shahram Amiri verschwand im Mai oder Juni 2009 auf einer Pilgerfahrt nach Mekka. Sein Untertauchen wird mit der Aufdeckung der zweiten iranischen Urananreicherungsanlage in der Nähe der Stadt Qom in Verbindung gebracht. Amiri verschwand einige Monate vor dem Bekanntwerden dieser Anlage, was die Vermutung nahelegt, daß er nach seinem Verschwinden gegenüber westlichen Geheimdiensten geplaudert haben könnte. So berichtete Philip Sherwell in der britischen Zeitung The Sunday Telegraph Mitte Dezember 2009, daß Amiri Teil eines seit dem Jahre 2005 laufenden CIA-Programms mit dem Decknamen „Brain Drain“ gewesen wäre, mit dem iranische Wissenschaftler zum Überlaufen motiviert werden sollten.

Ein „Maulwurf“ im iranischen Geheimdienst?

Am 12. Januar kam der iranische Physiker Massud Ali Mohammadi, der an der staatlichen iranischen Imam-Hossein-Universität in Teheran lehrte, durch eine in einem Motorrad versteckte Bombe ums Leben. Kurz nach seinem Tod gab es die in diesem Fall obligatorischen Schuldzuweisungen. Während das iranische Außenministerium die USA, Israel oder im Iran aktive Agenten als Drahtzieher vermutet, sehen westliche Medien die Täter eher beim „Mullah-Regime“.

Ähnliche Mutmaßungen stellte auch die iranische Opposition an, die „Elemente des Regimes“ verantwortlich machte. Differenzierter äußerte sich gegenüber dem Schweizer Tagblatt indes der in Tel Aviv lebende israelische Geheimdienst- und Iranexperte Meir Javadanfar; er sieht in dem Teheraner Anschlag einen „schweren Rückschlag“ für den Iran. Im iranischen Geheimdienst sei offensichtlich ein „Maulwurf“ tätig, wofür unter anderem auch das Abtauchen von Amiri spreche.

Täterschaft des Regimes unwahrscheinlich

Wer eigentlich war dieser zirka 50 Jahre alte Massud Ali Mohammadi? Festzuhalten ist zunächst, daß er theoretischer Physiker und kein Atomphysiker war. Auch soll er nicht bei der iranischen Atomenergiebehörde angestellt gewesen sein. Weiter wird kolportiert, er habe der Opposition nahe gestanden und den iranischen Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi unterstützt. Gegen eine Täterschaft aus den Kreisen des Mullahregimes spricht freilich die „medienwirksame“ Beseitigung Ali Mohammadis. Bei unbotmäßigen Dissidenten gibt es andere, wesentlich geräuschlosere Mittel. Dieser Mord aber, der eher den Eindruck entstehen läßt, die Teheraner Machthaber könnten die innere Sicherheit nicht mehr garantieren, kann aufgrund seiner Ausführung nicht vom Regime gewollt gewesen sein. Gegen eine Täterschaft spricht überdies die Heftigkeit und Bestürzung, mit der die staatlichen iranischen Medien nach dem Mord reagierten.

Planung und Ablauf des Mordes verweisen auf Geheimdienste

Man muß also tiefer schürfen. Dabei stößt man auf Hinweise, daß Ali Mohammadi neben seiner Arbeit für das Physikalische Institut der Universität Teheran auch für die 1986 gegründete Teheraner Imam-Hossein-Universität tätig gewesen sein könnte, die nach dem iranisch-irakischen Krieg zu einer Art wissenschaftlichem Herzstück des „militärisch-industriellen Komplexes“ des Iran herangewachsen ist. Darauf hat zum Beispiel der pensionierte Physiker Manuel Garcia, bei der amerikanischen Armee an Nuklearwaffentests beteiligt, in einem Hintergrundbeitrag für die Internetseiten von Counterpunch hingewiesen. Anders gewendet: Ali Mohammadi bildete möglicherweise Studenten aus, die bei der zukünftigen Entwicklung des iranischen Atomprogramms eine zentrale Rolle spielen sollen. So oder so hinterläßt Mohammadis Tod eine Lücke, die das Regime in Teheran nicht so leicht wird füllen können.

Wer hat die Fäden gezogen?

Die präzise Planung und der Ablauf des Mordes weisen in Richtung Geheimdienste. Möglicherweise hat sich dieser Geheimdienst ganz bewußt in Form „finanzieller Anreize“ bestimmter Strömungen innerhalb der iranischen Opposition bedient, die dem Regime auf spektakuläre Art und Weise schaden wollten: einmal, um es als skrupellos denunzieren zu können, und zum anderen, um das für das Regime so prestigeträchtige Atomprogramm perspektivisch empfindlich zu treffen.

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