Das Verachtete fressen

In den vergangenen Wochen löste Jonathan Safran Foers Bestseller „Tiere essen“ großräumige Mediendebatten über das Pro und Contra von Fleischkonsum aus. Die sollen hier keine Fortführung finden. Nicht die Frage: „Was macht der Mensch mit dem Tier?“ steht zur Debatte, sondern umgekehrt:  „Was macht moderner Tierkonsum mit dem Menschen?“

Daß sich der Mensch mit dem Tier „eigentlich“ tief verbunden fühlt, beweisen archaische Kulte, in denen der homo sapiens mit Totemtieren, Tiermasken und Fellen bekleidet, die Dimension des Animalischen erreichen wollte. Und gerade das unterscheidet ihn von anderen Tieren – daß er ein mystisches Tier ist, das über die Triebbefriedigung hinaus nach dem „Unaussprechlichen“, dem „Geheimnis“ sucht, nach Ein(s)fühlung mit anderen Tierarten. Frühe Götter wurden oft in Tierleibern imaginiert.

Durch Sühneriten die Gewissensqual lindern

Woher und warum diese Verehrung? Weil das Tier nicht jenen „Riß“ kennt, der den Menschen quält, nicht seine Zweifel und Ängste teilen muß. Und ausgerechnet das idealisierte Wesen soll er töten und verspeisen? Das kann kein purer Genuß sein. Immerhin hat der Frühmensch seine „Nahrung“ selbst erlegt, sich mit dessen Gewalt lebensgefährlich konfrontiert und durch Sühneriten die Gewissensqual gelindert. Zudem nahm er die Seele, die Kraft des Tieres, beim Fleischverzehr in sich auf. Die lebte spirituell in ihm fort. Die orale Einverleibung des Verehrten, das bildete die Grundlage des Fleischessens (ein Motiv, das man auch dem Kannibalismus unterstellt.)

Der moderne Fleischkonsument hat sich dieser Dimension entledigt und das Handwerk des Tötens an die Schlachthöfe weitergereicht. Dadurch entzog er dem Tier auch den einstigen Respekt. Der existentiellen Konfrontation mit eigenem Tod und tragischer Schuld weicht er aus, er läßt das Tier industriell-organisiert in den Tod treiben, hat es von Geburt an versklavt und zu „Schlachtvieh“ erniedrigt. Diese Unwürdigkeit zeigt Georges Franjus Kurzfilm „Le Sang des bêtes“ (Das Blut der Tiere, 1949) in unüberbietbarer Klarheit.

So schlingt der Mensch täglich die Überreste von Verdrängtem, Verachtetem, medikamentös Vergiftetem in sich rein. Nur künstliche Aromastoffe sorgen für oberflächlichen Sinnesgenuß. In dieser (Ess-)Kultur, die mit der Seßhaftwerdung des Menschen begann, spiegelt sich ungewollt sein geringes Selbstwertgefühl: Seine Bereitschaft, auf Elementares zugunsten von Kitzel und Komfort zu verzichten.

Symbolische Konfrontation von Leben, Eros und Tod

Dieser grundverlogene Umgang des Menschen mit dem Tier beherrscht auch die Corrida, den Stierkampf, einem Ritus, der im 20. Jahrhundert gnadenlose Idealisierung erfuhr. Picasso, Cocteau, Leiris, Hemingway und viele andere – sie alle begriffen ihn als symbolische Konfrontation von Leben, Eros und Tod. Eine mehr als naive Projektion. Dem Torrero stehen langerprobte Strategien und Kenntnis animalischer Reaktionen zur Seite. Der Stier hat da kaum eine Chance.

Aber, wenn im Bullen wirklich mal „das Tier“ ausbricht, wenn er – wie jüngst in Spanien geschehen – in die Zuschauer stürmt – dann wird er gefangen und anschließend, in hilfloser Fesselung, feige getötet. Ergo, auch der Corrida-Stier ist nur „Schlachtvieh”.

Und die ursprüngliche Verbundenheit des Menschen mit dem Tier? Die und das schlechte Gewissen kompensiert man durch Tierschutzspende oder quälerische „Verwöhnung“ des Haustiers. So kann der Mensch, einerseits das „Schwache“ erniedrigend, sich durch Hilfeleistung andernorts wieder aufwerten. So macht er es ja auch bei Seinesgleichen.

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