Das Prekariat aus dem Nest stoßen

Als Ursula von der Leyen (CDU) vergangene Woche die neuausgerechneten Hartz-IV-Sätze präsentierte, war klar, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde: „Die arme Unterschicht!“, schrie die Presse und präsentierte traurige Hartz-IV-Empfängerinnen mit kleinen Kindern, denen „das Geld vorne und hinten nicht reicht“. Auch die Wohlfahrtsverbände und die linke Opposition waren sich einig: Das ist „soziale Kälte vom schlimmsten.“

Nun, jämmerlich kann man die zusätzlichen fünf Euro wirklich nennen. Allerdings nicht, weil das zuwenig wäre, sondern weil die Regierung zu feige war, auf eine Erhöhung komplett zu verzichten und statt dessen einen billigen Alibibetrag davorschob. Warum? Weil sie Angst hatte – vor dem Geschrei der Unterschicht und ihrer Vormunde.

Auch Stänkerei muß gelernt sein

Ja, Stänkerei ist ein mächtiges Mittel, womit man offenbar auch Regierungen in die Knie zwingen kann. Aber auch das muß gelernt sein. Und so fängt man damit am besten möglichst früh an: Bereits Zweijährige proben diese Kunst im Trotzalter. Sie schreien und bocken, bis sie im besten Fall das bekommen, was sie möchten.

Diesen Machtkampf erlebe ich oft genug: Ich denke da nur an die Kassenschlange, das sich am Boden wälzende Kind, die Schweißperlen voller Pein und die mitleidvollen und genervten Blicke der anderen. „Ach, kaufen Sie dem armen Kind doch das Überraschungsei“, sagte neulich ein älterer Mann und versuchte damit die gereizte Stimmung aufzumuntern.

Ja, einfacher wäre das schon. Und vor allem bequemer für alle. Aber einen Gefallen tut man dem Kind damit trotzdem nicht. Nur leider ist genau das vielen Eltern heutzutage aus dem Blick geraten – weil die Angst vor der Enttäuschung des eigenen Kindes überwiegt. Und weil sie glauben, daß es unmenschlich ist, ein Kind auch mal weinen zu lassen.

Dabei ist es die eigentliche Aufgabe – ja sogar die Pflicht der Eltern, bei ihren Kindern auch Enttäuschungen zuzulassen, und ihnen beizubringen, was Konsequenzen bedeuten. Denn genau das nennt man Erziehung und nur dadurch werden Kinder später in der Lage sein, auf eigenen Beinen zu stehen. Verweigert man ihnen das aus falscher Fürsorge, ist das Vernachlässigung.

Die Umstände seien an allem schuld

Eigentlich weiß das jeder, aber gehandelt wird danach trotzdem nicht. Die Eltern tun es nicht bei ihren zweijährigen Trotzköpfen und, in größerer Dimension, Vater Staat nicht beim Prekariat. Denn beide verwöhnten Gören bekommen meistens doch das, was sie wollen.

Der Grund dafür ist nicht nur die Angst vor den kleinen und größeren Tyrannen, sondern auch die politische Korrektheit. Denn zu glauben, daß das Individuum selbst für seine jeweilige Lebenslage verantwortlich ist, gilt heute als mindestens rückwärtsgewandt. Schließlich sind ja die Umstände an allem schuld.

Dieser Logik nach müssen also nur die Umstände verändert werden – dann gibt es auch kein lästiges Gekeife mehr. Das Kind bekommt halt sein Überraschungsei und die Unterschicht seine Transferleistungen.

Das Problem dabei ist nur, daß derjenige, der bemerkt, daß er alles bekommt, wenn er nur laut genug schreit, immer wieder meckern wird – egal wie die Umstände sind.

Mit einer immer größer werdenden Schar jener Kinder, in deren Familien weder Eltern noch Großeltern zur Arbeit gehen und das selbstverdiente Brot kein Grund mehr für Stolz bietet, sollte der Staat endlich seine Pflichten als „Erzieher“ wahrnehmen, und das sich in gesicherter Abhängigkeit wiegende Prekariat liebevoll aber bestimmt aus dem Nest stoßen. 

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