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Zwischenruf
 

Die deutsch-britische Ambivalenz

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Buckingham-Palast in London: Hier wohnt eine (ehemals) deutsche Familie Foto: Pixelio/tokamuwi

In dem paradoxen Verhältnis zwischen beiden Staaten – Deutschland und Großbritannien – mischt sich Mißtrauen mit Respekt sowie dem Bewußtsein, daß man mehr miteinander gemeinsam hat, als höhnische Schlagzeilen des Boulevardblattes Sun vermuten ließen.

Schließlich hatte die Feindschaft der Briten jahrhundertelang eher dem französischen Nachbarn gegolten, während man die Deutschen (insbesondere die deutschen Protestanten) als Verbündete betrachtete, was so weit reichte, daß das Herrschergeschlecht der Stuarts durch das Haus Hannover ersetzt wurde.

Vor allem im 19. Jahrhundert waren britische Intellektuelle wie Thomas Carlyle stark von deutschem Gedankengut beeinflußt. Erst nach der Reichsgründung 1871 begannen die Briten deutsche Expansionsbestrebungen als Konkurrenz im Kampf um den „Platz an der Sonne“ wahrzunehmen. Der daraus resultierende Hurra-Patriotismus kam in Bestsellern der zeitgenössischen Populärliteratur wie Erskine Childers‘ „The Riddle of the Sands“ (1903) zum Ausdruck.

„Harmlose“ Form von Fremdenfeindlichkeit

Im Ersten Weltkrieg nahmen die antideutschen Vorurteile teils rabiate Formen an; es kam zu gewalttätigen Übergriffen gegen auf der Insel lebende Deutsche. Dieser Haß überdauerte die Zwischenkriegszeit und erhielt im Zweiten Weltkrieg und anschließend durch das bundesrepublikanische Wirtschaftswunder neue Nahrung.

Der Sieg über die deutsche Nationalelf im Finale der Weltmeisterschaft 1966 in Wembley wurde dann zu einer Art symbolischen Rache, die aber längst nicht alle erlittenen oder vermeintlichen Schmähungen wiedergutzumachen vermochte. So halten manche Briten die Europäische Union bis heute für eine deutsche Verschwörung.

Die Flut von Jahrestagen, zuletzt das Gedenken an den Blitzkrieg, sorgt zusätzlich dafür, daß den Briten der Weltkrieg ständig im Gedächtnis bleibt. Und zudem gelten die Vorbehalte gegen Deutsche als „harmlose“ Form von Fremdenfeindlichkeit, die nicht als Verstoß gegen die politische Korrektheit geahndet wird: Der Anti-Germanismus kann hier sogar Konservative und „Anti-Rassisten“ einen.

Keine neuen Ängste geschürt

Doch mit dem Aussterben der Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat, sind auch derartige vulgäre Stereotypen im Schwinden begriffen, und die antideutschen Affekte werden merklich schwächer – bei aller Faszination, die Hitler als Inkarnation des Bösen nach wie vor nicht nur auf junge Briten ausübt.

Laut einer BBC-Umfrage von 2008 haben 62 Prozent der Briten inzwischen wieder ein positives Bild von Deutschland, das sie vor allem aufgrund seiner Stabilität, Zuverlässigkeit und Kooperationsbereitschaft schätzen.

Auch wenn die alte Phobie immer mal wieder als Wetterleuchten am Horizont aufblitzen wird – die Ängste, die die deutsche Wiedervereinigung einst hier und da auslöste, haben sich längst als unbegründet erwiesen, und ihr zwanzigster Jahrestag dürfte vergehen, ohne daß sie erneut geschürt werden.

Derek Turner ist Publizist und seit 2007 Herausgeber der britischen Zeitschrift Quarterly Review. In der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt einen Beitrag über die Europa-skeptischen Parteien in Großbritannien.

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