„Das ist Berlin“

Auf einem großen Werbeplakat an einem Berliner S-Bahnhof: zwei junge, tätowierte und offensichtlich lesbische Frauen mit einem Kind auf dem Arm. Darüber steht in großen Buchstaben: „Berlin ist, wenn eine Familie nicht aussehen muß wie eine Familie“. Auf einem zweiten Plakat: Frauen mit Kopftüchern beim Grillen im Tiergarten. Überschrift: „Berlin ist, wenn’s 300 Damen vom Grill sind.“

„Das ist Berlin“ – so heißt die neue Imagekampagne der Berliner Morgenpost. Davon erhofft sich die Zeitung, die bislang eigentlich eher als „Mottenpost“ bekannt ist, ein neues Ansehen. Wurde sie bislang wohl eher von pensionierten West-Berlinern gelesen, soll die neue auserkorene Zielgruppe offenbar eine deutlich jüngere sein – und weltoffenere, wenig spießige.

Eben eine, die lesbische Pärchen mit Kindern als etwas Normales – ja, sogar als etwas Gutes betrachtet. Und eine, die die Hunderte von wöchentlich im Tiergarten grillenden türkischen Familien als eine „Bereicherung“ ansieht. Und diese Zielgruppe soll dann aufgrund der ach so toleranten Werbung die Zeitung kaufen.

Ein sonst so verpöntes Wir-Gefühl

Das zumindest glaubt die Werbeagentur Römer Wildberger, die hinter der Kampagne steckt. Sie glaubt offenbar auch, daß die Mehrheit der Berliner sich mit einer solchen multikulturellen Vielfalt identifiziert, ja sich als Teil dieser versteht. Mit dem im deutschen Alltag ansonsten verpönten „Wir-Gefühl“ läßt sich schließlich alles verkaufen – vielleicht auch eine schlechte Zeitung.

Um das vermeintliche Gemeinschaftsgefühl deutlicher aus den Berlinern herauszukitzeln, ruft die Agentur dazu auf, sich an der Kampagne zu beteiligen: Die Berliner sollen erzählen, was ihre Stadt für sie persönlich ausmacht. Einen Anfang hat bereits der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) getan: „Berlin ist, wenn 3,4 Millionen Menschen sagen: ‘Wir sind Berliner’ und doch die ganze Vielfalt der Welt in sich tragen. Sie machen Berlin so abwechslungsreich, spannend, quirlig und liebenswert.“

Der spezielle Charme der Hauptstadt

Und gewiß hat Berlin seinen unwiderstehlichen Charme als Ort, an dem „jeder nach seiner Fasson selig werden“ kann. Doch wirklich charmant finde ich eher den echten Alt-Berliner, der tatsächlich in jeder Richtung und im wahrsten Sinn des Wortes tolerant ist.

Weniger schön dagegen ist für mich ein neuerer Typ von Berlinern: diejenigen nämlich, die zwar auf „Toleranz“, „Vielfalt“ und ein großzügiges „Wir-Gefühl“ pochen, in Wirklichkeit aber damit nur Minderheiten und politisch korrekte Randgruppen bevorzugen wollen.

 

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