Das Elend der Querdenkerei

In seiner Februar-Ausgabe stimmt das Hamburger Magazin Geo nicht nur ein „Loblied auf den Störenfried“ an, sondern ruft gleich auch „zum gedanklichen Ungehorsam“ auf. Weil sich Querdenker „dem Mainstream“ widersetzten, würden sie „ausgegrenzt“ und riskierten „Karriere und Ansehen“. Dabei bräuchten wir Querdenker: „Gerade weil sie nerven, helfen sie uns, die Welt zu verstehen.“ Es folgt dann eine Tour d‘horizon, in der Beispiele für gelungenes Querdenken aus Vergangenheit und Gegenwart angeführt werden. Es fallen unter anderem Namen wie Ignaz Semmelweis, heute als „Erfinder der Hygiene“ gehandelt, oder Barry Marshall, der nachwies, daß nicht Streß, sondern Bakterien Magengeschwüre verursachen. Während Marshall 2005 den Nobelpreis erhielt, endete Semmelweis in der Verbannung.

Milde Strafen verletzen Würde des Täters

In speziellen Kästen werden überdies aktuelle Beispiele für „Querdenkerei“ präsentiert, bei denen man hier und da ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken kann. So zum Beispiel bei der These des schwedischen Philosophen Göran Duus-Otterström, nach der milde Strafen die Würde des Täters verletzten. Eine Strafe würdige den Bestraften als „moralisch verantwortliche Person“. Eine „Verschiebung der Schuld auf die ‘Gesellschaft’“ bringe den Täter um das Recht, selbst Verantwortung zu übernehmen. Statt dessen sollten Bestrafte gezwungen werden, „eine Vorlesungsreihe über Kants Moralethik zu hören“. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese These zu einer Verschärfung des Strafmaßes führt, veranschlagt Geo auf immerhin 20 Prozent.

Die Notwendigkeit einer „Dissens-Kultur“

Das Beispiel Duus-Otterström fällt deshalb aus dem Rahmen, weil es im Grunde genommen das einzige ist, das gesellschaftspolitische Fragen thematisiert. Ansonsten werden in dieser Geo-Ausgabe nahezu ausschließlich Innovationsvorschläge aus dem naturwissenschaftlich-technischen beziehungsweise medizinischen Bereich präsentiert. Bei dieser einseitigen Auswahl drängt sich folgende Frage auf: Liegt diese Auswahl darin begründet, daß es im gesellschaftspolitischen Bereich kaum (wirkliche und nicht nur selbsternannte) Querdenker gibt oder hat sich womöglich die Geo-Redaktion in dieser Frage bewußt zurückgehalten? Ein Diktum wie das des Psychologen Steven Pinker nämlich, nach dem „gefährliche Ideen“ nicht gefährlich seien, „weil sie falsch sind, sondern weil sie wahr sein könnten“, dürfte kaum nur auf naturwissenschaftlich-technische Fragen zu beziehen sein.

Sollen derartige Ideen, die womöglich auch am Regime der politischen Korrektheit rütteln, offen diskutiert werden, bedarf es einer Bedingung, die die amerikanische Psychologin Charlan Nemeth als „Dissens-Kultur“ bezeichnet, in der Abweichler respektiert und geschützt werden. Nemeth macht allerdings klar, daß Rollenspiele mit einem „Advocatus diaboli“ nicht funktionierten. Nur ein Querdenker, der das „Gewicht seiner persönlichen Integrität in die Waagschale“ werfe, provoziere „echte Nachdenklichkeit“. Möglicherweise ist dies cum grano salis Theo Sarrazin, Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank, mit seinen „umstrittenen“ Aussagen über Migranten in Deutschland gelungen.

Ein „träges Stück Fleisch“

Dennoch: Die von Nemeth genannten Kriterien wird man im muffigen politisch-korrekten Diskurs der Bundesrepublik vergeblich suchen. Hierfür gibt es möglicherweise eine einfache hirnphysiologisch-psychologische Erklärung, die der US-Hirnforscher Gregory Berns nach diversen Versuchsreihen in folgende Worte faßte: „Das Gehirn ist ein träges Stück Fleisch.“ Gewiß ein überspitztes Bonmot, das aber ein neues Licht auf die Unduldsamkeit gegenüber Querdenkern wirft, konstatiert doch Berns: „Dissens ist anstrengend. Diskussionen sind anstrengend.“ Also versucht unser Gehirn, diese Anstrengungen „unter allen Umständen“ zu vermeiden. Es sei diese Angst vor möglichen Veränderungen, die aus den meisten Menschen Konformisten mache. Jene, die „radikale Veränderungen“ forderten, würden deshalb gemieden.

Dieses Verhalten ist offensichtlich eine menschliche Grundkonstante und hilft vielleicht zu verstehen, warum gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik nach immer wiederkehrenden Schemata verlaufen.

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