Was lange währt, bringt auch nicht viel

Nach jahrelangem Streit hat der Bundestag am Mittwoch eine Neuregelung in Sachen Spätabtreibung beschlossen. Die Ärzte sind nun verpflichtet, Schwangeren, bei deren Ungeborenen nach der zwölften Woche eine Behinderung diagnostiziert wurde, vor einer Abtreibung eingehend aufzuklären und zu beraten.

Beschlossen wurde auch, daß zwischen Beratung und Abbruch eine Bedenkzeit von drei Tagen liegen muß. Andernfalls droht dem Arzt eine Geldbuße von 5.000 Euro.

Dafür wurde es auch höchste Zeit. Denn die endlosen Streitereien quer durch die Fraktionen waren eher rechthaberische Kämpfe aus Eitelkeit als Bemühungen um eine echte Lösung. Und die verlorene Zeit hat wohl tausenden von Kindern das Leben gekostet. (In Deutschland werden jährlich etwa 2.000 Kinder nach der zwölften Schwangerschaftswoche abgetrieben.)

Das Leben muß perfekt sein

Daß sich die Politik so lange Zeit gelassen hat liegt daran, daß es von der Gesellschaft keinen Druck für einer Änderung gab. Es stößt nämlich auf breites Verständnis, wenn Eltern sich dem schweren Alltag mit einem behinderten Kind nicht aussetzten wollen. (Von den ideologischen Grabenkämpfen beim Thema Abtreibung mal ganz abgesehen.) Und die Mehrheit akzeptiert – ja oft sogar befürwortet – eine Abtreibung in einer solch schwierigen Lage.

Und genau das ist das eigentliche Problem: Nicht mangelnde ärztliche Aufklärung oder zu kurze Bedenkzeiten führen zu der hohen Abtreibungsquote behinderter Kinder, sondern unsere Spaßgesellschaft ist nicht mehr bereit, Opfer zu bringen und zu leiden oder Leid als zum Leben dazugehörend zu ertragen.

Das Leben soll unbeschwert und perfekt sein: Man selbst schön und erfolgreich, die Kinder in der Schule Klassenbeste. Zudem sollen sollen sie mindestens zwei Instrumente perfekt beherrschen und drei Sprachen fließend sprechen. Viele Eltern bringen ihre Kinder bereits im Säuglingsalter zu allen möglichen Spiel- und Lerngruppen.

Immenser Leistungsdruck

Da die Mutter spätestens nach einem Jahr ihre erfolgreiche Karriere fortsetzen will, möchte sie sich auch nicht dem Vorwurf aussetzen, sie hätte ihrem Wonneproppen etwas vorenthalten. Auch weil das Kind ja sonst vielleicht nicht mit den anderen, viel talentierteren und kreativeren Kindern mithalten könnte.

Diesem Leistungsdruck mit einem behinderten Kind standzuhalten, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht nur, weil die lebenslange Dauerbetreuung das Ende der beruflichen Karriere bedeuten würde, sondern weil viele Eltern auch fürchten, die Behinderung des Kindes könnte auf sie zurückgeführt werden.

Was für Mängel haben sie selber, weil sie so ein Kind bekommen haben? Sind sie dumm, weil sie es nicht „weggemacht“ haben? Und da das Abtreiben behinderter Kinder von der Gesellschaft akzeptiert wird, stellt sich vielen die Frage, warum man dann denn mit ihnen leben sollte. „So etwas muß doch heute nicht mehr sein. Das ja auch eine Zumutung für das Kind selbst.“

Das Recht auf Leben wird ignoriert

Sicher, jeder wünscht sich gesunde Kinder. Nur hat man darauf im Voraus nun mal keinen Einfluß. Aber hinterher, da kann man es sich Dank modernster Diagnosemöglichkeiten aussuchen. Und das wird auch genutzt. Das Recht auf Leben, auch von behinderten Kindern, wird dabei einfach ignoriert.

Was die verschärfte Regelung letztendlich bringen wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich nur einen Mehraufwand an Bürokratie. Allzu optimistisch sollte man sowieso nicht sein. Schließlich nutzen ein paar veränderte Paragraphen wenig, wenn die Einstellung in der Gesellschaft nicht stimmt.

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