Rapsblüte

Blick in das weite Land: Rapsfelder dehnen sich über die Horizonte. Besucher schwärmen. Ein Meer gleißenden Gelbs, der neuen Tourismusfarbe Mecklenburgs. Aromatischer Duft, der schon das Öl ahnen läßt, fast 2.000 Liter pro Hektar, wenn es gut läuft, finanziert mit 300 Euro Subvention, die ebenso für Brachflächen gezahlt würden.

Etwa ein Viertel der Nutzfläche steht in gelber Blüte. Dafür werden chemische Materialschlachten gegen den Rapsglanzkäfer geschlagen, der gerade neue Resistenzen entwickelt und so neue Giftduschen provoziert.

Zudem muß tonnenweise Stickstoff, Phosphor, Kalium und Bor auf die Äcker, die nur alle vier Jahre mit der Ölfrucht bestellt werden dürften. Das ist industrielle Landwirtschaft auf riesigen Fluren. Soja in Brasilien, Raps in Mecklenburg-Vorpommern.

Leiden an EU-Planwirtschaft, Aldi & Co.

Hier arbeiten Firmen, für die sich der Begriff Landwirt putzig ausnimmt und neben denen die übriggebliebenen Wiedereinrichter einen armselig anachronistischen Eindruck machen, so wie ihre klapprigen roten Belarus-Traktoren gegenüber den neuen spielzeugbunten Maschinen mit ihren blanken Raumschiffkanzeln.

Heißt es Philemon und Baucis, den beiden Alten aus dem Faust II, nachzuweinen, wenn man bemerkt, wie die Dörfer zwischen den Raps- und Maisschlägen wie in einer Hängematte liegen und ihre jahrtausendealte Kulturbildung erlischt?

Nicht allein, daß die wenigen Milchbauern an einer EU-Planwirtschaft leiden, die den Überfluß mit einer Quote zu regeln versucht, die schon zehn bis 15 Prozent über dem Verbrauch liegt; nicht allein, daß die Ställe sich in die Pleite wirtschaften, weil sie von Aldi & Co. nur mehr zwanzig Cent für den Liter bekommen.

Bauern zu Brigadieren

Vielmehr haben die Dörfer insgesamt den Gründungsimpuls verloren, der sie seit der Jungsteinzeit am Leben hielt, die Arbeit mit Boden und Vieh. Zwischen ein bis zwei Prozent der Deutschen sind noch damit beschäftigt. Die Dörfer im Osten schlafen ihren Todesschlaf.

Die funktionierende Gutswirtschaft Ostelbiens fand ihre Fortsetzung wohl oder übel in den LPGen, den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die das Ergebnis von Zwangskollektivierung waren, aber gleichwohl funktionierten: Schule, Kinderbetreuung, Rentnerküche, Sport – das alles hing an den Genossenschaften. Gemeinschaft bildete sich über den verdienten Genuß des mühevoll Erreichten und in der Wahrnehmung von Verantwortung heraus.

< ---newpage--->Die LPGen entstanden aus Unrecht, aber es wurden keine Kolchosen daraus und nicht der Gulag. Die vormals tüchtigen Bauern arbeiteten als Brigadiere; und selbst der Ungelernte hatte noch Verwendung in der Feldbaubrigade und gewann seine Würde durch die Arbeit, die er leistete und die ihm Teilhabe sicherte – nicht zuletzt am Kulturellen.

Junge adipöse Männer

Wer fünfzehn war, machte über die Schule den Traktor- und LKW-Führerschein. Danach konnte in der Ernte geholfen werden. Heute sitzen die jungen adipösen Männer auf Rasentreckern, kassieren Hartz IV und wohnen noch bei Mama.

Ihr Lebensrhythmus richtet sich nach den Einkaufszeiten der Discounter und dem Angebot von RTL II. Wenn die NPD im Nordosten die Frustrierten rekrutiert und auf ihre Weise aktiviert, ist die „politische Mitte“ betroffen und inspiriert Lichterketten in Anklam und Ueckermünde.

Man idyllisiert nicht, wenn man bedauert, daß in einst lebendigen Dörfern das Leben erlischt. Das ginge nicht anders, heißt es: die neue Technik, die Effizienz, das Tempo, die EU. Demokratie aber, wenn überhaupt, beginnt im Heimatlichen, im Regionalen.

Würde braucht die Bewährung, die Verantwortung, das Gefühl, etwas leisten zu können. Die Auffassung „Das geht nicht anders!“ darf seit 1989 nicht mehr gelten! Wenn der Osten verödet, dann braucht es eben kraftvolle Regularien, die mit Zentralismen brechen. Eine natürliche Landwirtschaft böte vielen Platz. Und der Rapsglanzkäfer wäre nicht das Problem.

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