Joachim Kuhs

 

Novick und Demjanjuk

Der Fall des fast 90jährigen Ivan Demjanjuk, der als mutmaßlicher Judenmörder in München auf seinen Prozeß wartet, und seine möglichen Hintergründe sind mir nach wie vor nicht klar. Geht es wirklich um ein Maximum an Gerechtigkeit auf Erden? Das könnte man nur glauben, wenn die Ermittler mit gleichem Elan gegen jene Schinder vorgegangen wären, die nach 1945 in polnischen KZs tausende Deutsche auf grausame Weise zu Tode brachten.

Zur Erinnerung: Demjanjuk war 1985 aus den USA an Israel ausgeliefert worden, wo ein Gericht ihn zunächst als den KZ-Wächter „Ivan den Schrecklichen“ identifizierte und zum Tode verurteilte. Das Oberste Gericht in Israel befand 1993 jedoch, daß es an der Identität Demjanjuks mit „Ivan dem Schrecklichen“ berechtigte Zweifel gebe und ordnete seine Freilassung an. Die Entscheidung der Richter fiel einstimmig.

In den Ferien habe ich nochmals gründlich Peter Novicks Buch „Nach dem Holocaust“ gelesen. Novick argumentiert und formuliert zurückhaltender als Norman Finkelstein in der „Holocaustindustrie“, sein Buch ist breiter, enzyklopädischer angelegt. Man muß keineswegs alle seine Voraussetzungen und Schlußfolgerungen teilen, um es als Standardwerk anzuerkennen!

„Klare und überzeugende Beweise“

Novick geht auch auf Demjanjuk ein und schlägt dabei den Bogen zum Fall eines polnischen Zwangsarbeiters, der nach 1945 in die USA emigriert war, wo man ihn Jahrzehnte später beschuldigte, ein Gestapo-Agent und brutaler Sadist gewesen zu sein. Eine Reihe von Zeugen, die zum Teil aus Israel eingeflogen waren, hatten ihn – scheinbar zweifelsfrei – identifiziert, ihm drohten die Ausweisung und Auslieferung. Schließlich konnte der Beschuldigte seine wahre Identität – nun aber wirklich zweifelsfrei – nachweisen.

Das amerikanische Justizministerium gab daraufhin die Einstellung des Verfahrens bekannt mit der Begründung, für eine Ausbürgerung benötige man „klare und überzeugende Beweise“, die in diesem Fall nicht vorlägen. Novick merkt kritisch an, das Ministerium habe es nicht über sich gebracht, klipp und klar zuzugeben, „wir haben den Falschen erwischt“.

Er nennt auch den möglichen Grund für die Zurückhaltung. Ein Vertreter des American Jewish Comittee hatte dem Ministerium mitgeteilt: „Eine unserer Hauptsorgen in diesem Fall ist es, daß die Widerlegung von 12 Zeugen einen negativen Effekt auf die Glaubwürdigkeit solcher Zeugen in ähnlichen Fällen haben wird.“ Wieviel mehr muß die Entscheidung des israelischen Obersten Gerichtshofs als Stachel wirken! Nach der Lektüre von Novicks Buch könnte man fast zu dem Schluß kommen, in dem aktuellen Verfahren ist Demjanjuk nur der Vorwand für eine politisch-historiographische Generalprävention.

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