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Metaphysik der Neurosen

Wir befinden uns in der Wüste von Arizona während der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren: An staubiger Straße ragt ein hölzernes Rasthaus hervor. Der Wind pfeift durch Sand und halbvertrocknete Kakteen. Auf dem Dach sitzt das Serviermädchen Gabrielle mit dem Intellektuellen Squier.

Pfeife schmauchend erklärt der heimatlose Mittdreißiger ihr die Vergeblichkeit der Zivilisation: „Sie wickelten die Natur in Zellophan und verkauften sie in Läden. Sie waren so sicher, daß sie sie unterworfen hätten. Gabrielle, wissen Sie, wer das Chaos hervorruft, das in der Welt herrscht? … Es ist die Natur, die zurückschlägt. Sie wehrt sich. Mit neuen Waffen, die man Neurosen nennt. Sie läßt die ganze Menschheit mit dieser Geißel erschauern.“ – Ein Dialog aus dem Film „The Petrified Forest” (Der versteinerte Wald, 1936) mit Bette Davis und Leslie Howard. Später kommt Humphrey Bogart als Gangster „Duke Mantee“ hinzu und erschießt den Intellektuellen, der „im versteinerten Wald überholter Ideen“ nicht länger leben wollte. Aber dieser Satz – die Neurose als Waffe der Natur gegen rationalistische Kolonialisierung – bleibt haften.

Psychotherapie heute an der Tagesordnung

Zwei Jahre später. Schauplatz Wien. Der Schriftsteller Egon Friedell begeht Selbstmord. Von ihm stammt der Aphorismus: „Der Mensch der nächsten Jahrzehnte wird eine organisierte Neurose sein.“ Auf beiden Kontinenten westlicher Kultur sah man vor 80 Jahren das „Zeitalter der Neurose“ im Aufbruch. Neurose nicht als therapierbarer Einzelfall, sondern als apokalyptische Masseninvasion.

Und tatsächlich: Während der folgenden Jahrzehnte hat die seelische Erkrankung einen beispiellosen Triumph erfahren. Rief eine Psychotherapie vor 25 Jahren noch die Stigmatisierung des Betroffenen oder zumindest Irritationen in seiner Umgebung hervor, so ist sie heute an der Tagesordnung. Die Wartezimmer von Psychiatern und Psychotherapeuten sind brechend voll, die Wartelisten endlos lang.

Prognosen der Weltgesundheitsorganisation benennen die Depression für das Jahr 2012 als häufigste Erkrankung – weltweit. Und parallel dazu bricht die Natur zusammen. Daß hier ein Zusammenhang bestehen, daß die Ausbreitung von Neurosen tatsächlich eine Abwehrstategie der Natur sein könnte, zeigt die Unvereinbarkeit mit dem Verursacher von Naturdestruktion: Der modernen Wirtschaft.

Natur hat zurückgeschlagen

Denn keine harte Psychoneurose läßt den Betroffenen dauerhaft „funktionsfähig“. Schon gar nicht in einer Dienstleistungsgesellschaft, die „soziale Kompetenz“ (d.h. Fassadenspiel) über fachliche Fähigkeiten stellt. Die Leere moderner Arbeit und Kommunikation provoziert allzu starke Symptome, beendet die „Mister-Cool-Maskerade“ früher oder später. Deshalb erhält ein Großteil der Wissens- und Kreativ-Elite sein Monatsgehalt vom Job-Center. (Das wäre doch mal ein Ansatz für eine „Elite”-Diskussion…) Wer das nicht glaubt, besuche einmal solch ein Job-Center. Den Arbeitslosen dort fehlt es oft nicht an Qualifikation. Und doch erkennt man: Hier hat die Natur zurückgeschlagen. Auf Vertreter aller Gesellschaftsschichten.

Wohin der Mensch sich „entwickelt“ hat, zeigt ein Vergleich mit der Steinzeit-Ökonomie. Die Archäologin Sally Binford erklärte, daß die Jäger-und-Sammler-Gesellschaften nicht mehr als vier Arbeitsstunden täglich hatten. Vier Stunden, die Aufmerksamkeit, Neugier, Bewegung und Geschicklichkeit verlangten. Das Gegenteil vieler Tätigkeiten innerhalb moderner Produktionsprozesse, bei Stundenzahlen zwischen 8 und 24. Die Seele des Menschen aber ist so wenig dehnbar wie die Natur beliebig ausbeutbar. Schließlich sind beide aus dem „gleichen Stoff“.

An dieser Stelle läßt sich die metaphysische Fundierung aus „The Petrified Forest“ getrost verlassen. Die neuzeitliche Neurose erklärt sich empirisch aus den Bedingungen globaler Plünderungswirtschaft.

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