Die dunkle Blume des Lars von Trier

Filmrezensenten können einem wirklich die Freude am Kino vermiesen. Vor allem, wenn der Regisseur des besprochenen Films Lars von Trier heißt. Dann erklären sie sich für geschockt, reden von Einstellungen, die ihnen den Atem geraubt, den Appetit verdorben, das sittliche Empfinden verletzt oder überhaupt den Lebensmut genommen hätten. Bei von Triers neuestem Werk, „Antichrist“, schwoll dieser Chor professionell Geschockter ins Unerträgliche.

Daniel Kehlmann beispielsweise verrät seinen Lesern, daß er die finale Selbstverstümmlung von Charlotte Gainsbourg lieber nicht gesehen hätte und vielleicht niemals vergessen kann. Na und? Wenn der Kritiker das nicht hinkriegt, ist das sein Problem … Und überall – von der Süddeutschen Zeitung bis zu den Boulevardblättchen – die obligatorische Frage: „Darf von Trier das?“ Warum suchen sich solche Schreiber keinen anderen Job? Man inszeniert sich als sensibler Schöngeist, anstatt die Szene auf ihren inhaltlichen Gehalt und dessen (adäquate) Umsetzung abzuklopfen. Bei anderen Rezensenten kommt noch gespielte Überraschung hinzu: „Diesmal hat von Trier seine Ästhetik ins Unerträgliche gesteigert“, heißt es in circa tausend Varianten. Als ob das nicht absehbar war!

Spätestens ab „Element of Crime“ (1984), in dem die Burmesin Me Me Lai in einer Hauptrolle agierte. Sie gelangte zuvor als Protagonistin extremer Kannibalenfilme wie „Ultimo mondo cannibale“ (1976) zu Ruhm, ist also keine „neutrale“ Besetzung, sondern eine cineastische Kultfigur, ein wandelndes Zitat, eine Absichtserklärung des Regisseurs. Zumal von Trier nicht nur den Star dieser Filme, sondern auch deren Ästhetik – wackelnde Handkamera mit abrupten Schnitten – übernahm.  

Radikalität der italienischen Vorbilder fast erreicht

Der nordische Cineast holte mit Me Me Lai und der Handkamera das Kannibalen-Sujet aus dem exotischen Niemandswald nach Dänemark – und für „Antichrist“ in die deutschen Wälder bei Köln, wo der Film entstand. Damit hat von Triers Universum des gegenseitigen Fressens die Radikalität der italienischen Vorbilder fast erreicht. Sein Gesamtwerk ähnelt einer dunklen Blume, die mit jedem Film ihren Kelch ein wenig weiter öffnet.

Ein weiterer Einwand der Medien richtet sich gegen die Frauenfiguren des Dänen: Allzu sehr müßten sie leiden, allzu schlimm bis frauenfeindlich sei ihr (Märtyrer-) Schicksal – so klagen Kritiker, deren Leben nicht halb so intensiv ist wie das von Triers Heldinnen. Dessen Kino hält am Exzeß, am Extrem als einzigem Ort wahren (Er-)Lebens fest. Ein später Pathetiker inmitten der Ironiekultur.

In „Antichrist“ wird eine Frau von ihrem Trauma gefressen, einem Schuldwurm, der seit dem Tod des kleinen Sohnes in ihr bohrt. Der fiel aus dem Fenster, als seine Eltern gerade den sexuellen Höhepunkt genossen. Ihr Mann – ein Analytiker – fährt mit ihr in ein einsames Waldhaus. Abseits, in der Natur, soll sie mit seinem therapeutischen Beistand genesen. Ihr Schuldgefühl mutiert zur Phobie. Bald glaubt sie, ihre Füße stünden in Flammen.

Film für Menschen, die viel Angst erleiden

Die baldige Erkenntnis, ihrem Kind vor dem Unfall unpassende Schuhe angezogen zu haben, läßt sie destruktive Absichten in sich vermuten. Parallel zur Aufdeckung destruktiver Menschennatur zeigt die Regie den Schrecken der Biosphäre anhand „der drei Bettler“: Ein kleiner Vogel fällt aus dem Nest – und eine Ameisenhorde unverzüglich über ihn her. Ein Reh mitten im Geburtsvorgang zur Flucht gezwungen, und ein Fuchs verspeist sich langsam selbst. Der Film legt beides frei: Das Grauen der „äußeren“ wie der „inneren“ Natur. Der tierischen wie der menschlichen.
 
„Freud ist tot, nicht wahr?“, fragt sie. Tatsächlich wird die Analyse durch wachsende Exzesse unterspült. Bald überführt sie ihre Symptome in Rituale. Entnommen aus Büchern über Hexenprozesse. Ihre Identifikation ist unaufhaltbar: Wie eine Hexe vollzieht sie den Geschlechtsakt bei Vollmond unter einem Baum. „Das Böse ist eine Obsession“, stellt der Ehemann/Therapeut fest, als es bereits zu spät ist. Ab dem Moment erhält der Film die Qualität einer Schlinge, die sich – um den Hals des Zuschauers geworfen – langsam zuzieht. Wie die Heldin aus Nagisa Oshimas „Ai no corrida“ (Im Reich der Sinne, 1977) den beidseitigen Wahn nur noch durch die Kastration des Geliebten zu beenden weiß, greift die Traumatisierte aus „Antichrist“ zur genitalen Selbstverstümmelung. Solche Bilder mögen unschön sein, aber es gibt in der Hölle einfach keine „schönen Bilder“.

„Antichrist“ ist der Film eines Mannes, der viel Angst hat. Und es ist ein Film für Menschen, die viel Angst erleiden (müssen). Und die anderen sollen gefälligst „Ice Age 3“ besuchen. Da gibt`s nämlich ganz viele schöne Bilder.

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