Alltag in Berlin

Sevde, Suude, Shaya, Zora, Rohan, Timur, Samira, Tarik, Sinan, Amina und Jacqueline. Das sind die Namen der Kinder in unserer Kiezkrippe. Woher ich das weiß? Sie sind auf rosa und hellblaue Papiermotive geschrieben und kleben an den Fensterscheiben.

Nun sagen Namen heutzutage wenig aus – schließlich geben auch viele Deutsche ihren Kindern keine deutschen Namen mehr. Doch jeden morgen sehe ich aus dem Fenster, wer die Kinder in die Kita bringt: Es sind überwiegend türkische oder arabische Frauen.

Auch auf dem nahe gelegenen Spielplatz ist Deutsch eine Minderheitensprache. Wenn die Kinder von ihren Eltern gerufen werden, dann auf Türkisch, Albanisch, Polnisch, Russisch, Chinesisch oder Englisch. Und auch bei unserem Kinderarzt sieht es nicht anders aus: Nur selten sind dort auch Deutsche Eltern mit ihren Kindern. Als ich die Sprechstundenhilfe vorsichtig fragte, wie groß denn der Anteil von ausländischen Patienten bei ihnen wäre, sagte sie: „Es sind sicherlich neunzig Prozent“.

Jedes vierte Kind in Deutschland hat ausländische Wurzeln

Jetzt kann man fragen, na und? (Seit neuestem höre ich das auch schon mal aus den „eigenen Reihen“.) Die Türken zum Beispiel hätten zumindest noch eine ursprüngliche Kultur auf die sie stolz sein könnten. Die Frauen würden nicht wie billige Flittchen rumlaufen, oder wären nur auf ihre Karriere konzentriert, sondern bekämen wenigstens noch Kinder und kümmerten sich um die Familie. Es gäbe noch Werte wie Ehre und Treue und die Männer – ja die seien zumindest noch echte Männer! Davon könnten sich auch die Deutschen eine Scheibe abschneiden.

Nun, die Alltagswahrnehmungen in einer deutschen Großstadt zeigen auf banale Weise, wie es um die demographische Lage hierzulande steht: Es gibt immer weniger deutsche Kinder. In manchen Vierteln eigentlich gar keine mehr. Eine Tatsache, die durch Statistiken seit langem bekannt ist. Erst vor kurzem meldete das Statistische Bundesamt, daß jedes vierte Kind in Deutschland ausländische Wurzeln hat.

Nur, bloße Zahlen sagen oftmals nicht viel aus und verfehlen dadurch ihre Wirkung. Doch erlebt man persönlich, wie es ist, im Wartezimmer beim Kinderarzt die Einzige ohne Kopftuch zu sein, dann stimmt das einen zumindest nachdenklich. Und wie muß das dann erst für einen Deutschen sein, wenn er merkt, daß nicht mal ich – die Letzte ohne Kopftuch – eine Deutsche bin?

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