Sein Wort bleibt uns erhalten

Der Tod des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn vergangenen Sonntag hat überall in der Welt große Anteilnahe ausgelöst, nicht nur in seinem Vaterland, wo man mit ehrlichem und dankbarem Pathos um ihn trauert, sondern auch in den Redaktionsstuben und politischen Zirkeln des Westens. Völlig zu Recht erinnerte man allerorten an die ungeheure geistige und auch direkt politische Wirkung, die das Werk dieses Dichters und Historikers gehabt hat und die einmalig dasteht in der Literaturgeschichte der Neuzeit.

Solschenizyns „Archipel Gulag“, dessen Manuskript einst unter größten Mühen und Gefahren aus dem Sowjetreich in den Westen geschmuggelt wurde und dort 1973 zuerst erschien, war buchstäblich der Anfang vom Ende des kommunistischen Weltsystems. Nach seiner Publikation wagte niemand mehr zu leugnen, daß es sich bei diesem System um ein gigantisches Netzwerk des Terrors handelte. Ganze philosophische Schulen brachen darüber zusammen, die Mär vom angeblich humanen „Eurokommunismus“ wurde beerdigt, eine neue Ära der Weltgeschichte begann.

Aber merkwürdig: In die zutreffenden Analysen vieler Nachrufe mischte sich ein penetranter Ton von Herablassung, ja von versteckter Wut. Man tat so, als habe Solschenizyn mit dem „Archipel Gulag“ gewissermaßen seine weltliterarische Mission voll erfüllt und sei danach völlig „ausgebrannt“ gewesen, habe nur noch „wirres Zeug“ geschrieben, gar „gefährliche Thesen“ verbreitet, vor denen man sich in acht nehmen müsse und die man am besten ignoriere. Eine Tendenz zum Totschweigen dieses großen Schriftstellers und Zeitzeugen ist erkennbar.

Schon nach der Ankunft des zwangsexilierten Dichters im Westen hatte man registrieren müssen, daß da ein höchst unbequemer Gast aufgetaucht war, der in kein System paßte und als Lautverstärker vorgegebener oder gängiger Thesen gänzlich ungeeignet war. Und nach der Wende und der Rückkehr des Dichters in seine Heimat verstärkte sich seine Unbequemlichkeit noch. Solschenizyn, so registrierten die Auguren der Political Correctness mit Entsetzen, war „konservativ“, also nicht im gängigem Sinne linksliberal. Wie furchtbar!

Er glaubte an Gott, Familie und Vaterland. Er war nicht für Multikulti, sondern für ethnischen Pluralismus und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Er kritisierte den entfesselten Materialismus und Konsumismus, ob nun im Osten oder im Westen. „Schweigt ihn tot, den Hund, er ist ein Rechter!“

Vernünftige Zeitgenossen können dazu nur sagen: Na und? Ein Dichter und Zeitzeuge von Format bleibt Solschenizyn allemal, und zwar sehr wohl über den „Archipel Gulag“ hinaus, buchstäblich bis in sein letztes Interview hinein. Dieser Schriftsteller muß ernst genommen werden von der ersten bis zur letzten Zeile. Seine Bücher sind allesamt durchweg interessant, sie laden zu fruchtbaren Auseinandersetzungen ein. Solschenizyn ist gestorben, aber als Diskussionspartner bleibt er uns erhalten.

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