Politiker sollten sich im Normalfall durch eine klare Realitätswahrnehmung und einen scharfen Verstand auszeichnen. Schließlich liegt gerade bei Regierungsparteien eine erhebliche Verantwortung in ihren Händen.
Personen in entsprechend hohen Positionen innerhalb der politischen Hierarchie sollte zudem zugetraut werden, im Jahr 2022 über eine gewisse Medienkompetenz zu verfügen. Dazu gehört freilich auch, zwischen Social-Media-Geblubber und der Realität unterscheiden zu können. Die Neuland-Aussage zum Internet von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) liegt immerhin schon neun Jahre zurück und gilt nicht mehr als Ausrede. Vor allem nicht für Spitzenpolitiker, die wie SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert 33 Jahre alt sind.
Der SPD-Generalsekretär und Bundestagsabgeordnete Kevin #Kühnert mag nicht mehr bei @TwitterDE sein. Seltsam. Schade auch. Oder ist das die praktizierte Tugend des allerorts beschworenen Verzichts? pic.twitter.com/MHbAikcT6O
— Alexander Kissler (@DrKissler) September 12, 2022
Der streitbare Sozialdemokrat verkündete nun, sich von Twitter zurückzuziehen. Als Begründung gab er im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zu Protokoll: „Ich finde einfach, daß die Diskussionskultur, wie sie auf Twitter stattfindet, daß das zu Fehlschlüssen und Irrtürmern in politischen Entscheidungen führt. Zumindest habe ich das bei mir festgestellt, daß ich eine verzerrte Wahrnehmung von Wirklichkeit habe, wenn ich zu viel Zeit in dieser App verbringe.“
Kühnert macht nach Shitstorm die Biege
Der Politiker wäre demnach das Opfer der sozialen Medien. Heißt das im Umkehrschluß, Kühnert hat in den vergangenen Monaten politische Entscheidungen aus einer verzerrten Realitätswahrnehmung gefällt? Wie zurechnungsfähig ist man demnach noch nach längerer Twitter-Nutzung? Sollten Politiker sich womöglich besser von Twitter fernhalten?
Dabei kommt der freiwillige Twitter-Abgang von Kühnert wohl nicht zufällig. Zuvor hatte er jedoch einen der üblichen Twitter-Shitstorms wegen seiner zögerlichen Haltung zu möglichen Panzerlieferungen an die Ukraine abbekommen. Da liegt der Verdacht nahe, Kühnert habe schlicht die Nase voll davon, ein ungefiltertes Echo für seine Aussagen zu bekommen.
Wenn man mit der Kritik im Netz nicht klarkommt, dann ist halt die „Diskussionskultur“ schuld. Und nicht zu vergessen, die schädlichen Auswirkungen einer verzerrten Realitätswahrnehmung. Ja, nee, is‘ klar.