Kimmich Bayern
Joshua Kimmich beim Spiel des FC Bayern münchen gegen die TSG Hoffenheim Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe.

Joshua Kimmich
 

Bayernstar am Medienpranger

Nein, es kehrt auch weiterhin keine Ruhe ein. Jedenfalls nicht in Deutschland. Vielleicht sind die Deutschen ein Volk, das nicht richtig glücklich ist, wenn es keine Gelegenheit mehr gibt, auf andere mit dem Finger zu zeigen, auf Menschen, die sich dem gesellschaftlichen Konsens verweigern oder – zu Zeiten, in denen Deutschland oder ein Teil davon totalitär regiert wurde – der staatlich verordneten Gesellschaftsdoktrin.

Zu Skandalen aufgebauschte Vorfälle hat es im Verlaufe der Corona-Krise auch im Fußball des öfteren gegeben: Man denke an das selbst gedrehte Kabinenvideo von Kalou, eines Spielers von Hertha BSC, aus der Anfangszeit der Pandemie, in dem dieser nicht alle Abstandsregeln einhielt und die Meinung einiger Spieler zum Verzicht auf einen Teil ihres Gehalts öffentlich machte. Nicht mal seine Hautfarbe rettete Kalou in dem Fall vor der symbolischen Steinigung durch einen wütenden Web- und Medienmob. Den bekam in abgeschwächter Form auch schon Wolfsburg-Stürmer Wout Weghorst zu spüren, weil er sich nicht öffentlichkeitskonform zu Corona und den Impfungen gegen das Virus äußerte.

Immer wieder sorgten auch die Erkrankungen von Spielern oder ganzen Mannschaftsteilen für Aufruhr. Holstein Kiel, dem Zweitligaverein aus Schleswig-Holstein, der in der letzten Saison den großen FC Bayern aus dem DfB-Pokal warf und ein heißer Anwärter auf die Fußball-Oberklasse war, dürfte die über ihn verhängte Quarantäne in der Endphase der letzten Saison den Aufstieg vermasselt haben. Am Wochenende geriet schließlich Bayern- und Nationalkicker Joshua Kimmich in Bedrängnis.

Eigentlich sind Gesundheitsdaten privat

Sportlich ist bei dem Serienmeister wie üblich alles im Lot. Nach schlagzeilenträchtigen Skandalen muß also mal wieder jenseits des Spielfelds gefahndet werden. Man wurde fündig, CoVid-19 sei Dank, in Form der Corona-Quarantäne des neuen Trainers Julian Nagelsmann und des parallel aufgedeckten und medial als Unding präsentierten Begleitumstands, daß fünf Spieler des FC Bayern München sich bislang nicht haben gegen die Seuche impfen lassen.

Eigentlich sind Gesundheitsdaten privat. Mein Impfbuch geht die Öffentlichkeit nicht mehr an als mein Tagebuch. Eigentlich. Nicht in Deutschland. Nicht jetzt. Nicht im Fall Joshua Kimmich. Der unter Druck geratene Leistungsträger des FC Bayern sah sich genötigt, sich öffentlich zu erklären und den Verdacht, er sei „Corona-Leugner“, zu entkräften. In allen Sportsendungen des Fußballwochenendes überlagerte die Meldung „Kimmich nicht geimpft“ das sportliche Ereignis (einen ungefährdeten 4:0 Sieg der Bayern gegen Hoffenheim).

Der Mittelfeldakteur verwies völlig zu Recht auf fehlende Langzeitstudien und begründete so, „noch ein paar Bedenken“ zu haben. In sehr sachlichem, ruhigem und gar nicht provozierendem Ton klagte Kimmich vor dem Mikrophon des Bezahlsenders Sky: „Es gibt nur noch geimpft oder nicht-geimpft, und nicht geimpft bedeutet dann oftmals gleich, daß man irgendwie Corona-Leugner oder Impfgegner ist. Aber ich glaube, es gibt auch ein paar andere Menschen zu Hause, die einfach ein paar Bedenken haben. Und ich finde, auch das sollte man respektieren.“ Um Respekt warben auch Co-Trainer Dino Toppmöller und Mannschaftskollege Thomas Müller.

Selbst erfüllende Prophezeiung

Eine Äußerung, „die noch für Diskussionen sorgen wird“, orakelte dagegen der Reporter der ARD-„Sportschau“ und bediente sich dabei des Stilmittels der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Hätte sich nämlich die „Sportschau“ an das Wahlkampfmotto der siegreichen SPD gehalten und Respekt für private Entscheidungen eines prominenten Sportlers gezeigt, würden die prognostizierten Diskussionen auf jeden Fall eine Nummer kleiner ausfallen. Offenbar besteht aber seitens der ARD ein Interesse daran, daß sie geführt werden. Warum nur?

„Das aktuelle Sportstudio“ der Kollegen vom ZDF nahm die „Sportschau“-Flanke dankbar auf und sprach von einer sich zuspitzenden „Debatte darüber, wer denn nun bei Bayern geimpft ist und wer nicht“. Auch das ist letztlich eine irreführende und fadenscheinige Formulierung. Wer hat denn, bitteschön, an einem Bundesligawochenende in Deutschland mehr Einfluß darauf, worüber die Menschen reden und worüber nicht, als die beiden ÖR-Sportflaggschiffe mit jeweils mehreren Millionen Zuschauern?

Welche Debatte soll sich zuspitzen, wenn sie ARD und ZDF aus Respekt vor Gewissensfreiheit und den Persönlichkeitsrechten eines Sportlers verschweigen? Und wer spitzt mehr zu als der für das ZDF-Sportstudio berichtende Boris Büchler, wenn er subtil einen Widerspruch zur von Kimmich ins Leben gerufenen karitativen Aktion „We kick Corona“ unterstellt, obwohl beides zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind?

Es geht um Stimmungsmache

Kimmichs „Meinungen werfen weitere Fragen auf“, so Büchler. Was für Fragen das sein sollen, nachdem der Fußballer sich bereits ausdrücklich von „Corona-Leugnern“ und „Impfgegnern“ distanziert hat, darüber hüllte sich der ZDF-Mann in Schweigen. Ein schönes Beispiel dafür, wie man auch ohne etwas Konkretes zu sagen, mit sanften Mitteln der Manipulation Stimmungen im Lande schüren kann. Wenn der ZDF-Reporter abschließend das Fazit zieht, der Impfstatus des Nationalspielers sei „nun mal ein großes Thema geworden“ und so den Eindruck erweckt, bedeutend einflußreichere Medienhäuser als die öffentlich-rechtlichen Geldverschlinger setzten die „großen Themen“ und ARD und ZDF sprängen lediglich auf bereits rollende Züge auf, ist das einfach nur scheinheilig.

Es bedarf schon einer gehörigen Portion Naivität, um nicht zu durchschauen, worum es hier wirklich geht: um Stimmungsmache, um das Einschwören des Kollektivs auf einen Einheitskurs, um das Markieren von Abweichlern. „Covidioten“ nennt sie die sozialistische Parteichefin Saskia Esken, von deren Gnaden der künftige Kanzler abhängt.

Apropos Sozialismus: „Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit“ und „die Masse braucht eine Richtung“, wußte schon Elias Canetti (1905-1994), den man den Chefanalytiker des Phänomens „Masse und Macht“ nennen könnte. Der Nobelpreisträger legte nämlich 1960 zu dem Thema ein Werk gleichen Namens vor. Weiter schrieb er: „Menschen, die sich von der Masse auszuschließen suchen“, seien ihr natürlicher Feind. Gegen diesen formiert sich, was der Autor die „Hetzmasse“ nennt: „Es ist die Erregung von Blinden, die am blindesten sind, wenn sie plötzlich zu sehen glauben.”

Zum Thema Medien in Zeiten von Corona kann man sich kaum passendere Zitate vorstellen.

Joshua Kimmich beim Spiel des FC Bayern münchen gegen die TSG Hoffenheim Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe.
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